Vom Nutzen der Vorurteile

Von Jürgen Fritz

Vorurteile genießen gewöhnlich einen schlechten Ruf. Wer das Wort ‚Vorurteil‘ jedoch nicht neutral, sondern pejorativ gebraucht, der fällt offensichtlich dem Vorurteil anheim, dass Vorurteile a priori und per se etwas Schlechtes seien, womöglich sogar immer falsch wären.

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Rechts oder links?

Stellen Sie sich vor, Sie gehen in der Abenddämmerung alleine im Wald spazieren, befinden sich auf dem Weg zurück zum Auto, sind aber noch ein Stück entfernt. Weit und breit keine Hütte, keine Menschen, nichts. Totale Einsamkeit und Ruhe. Nun kommen Sie an eine Weggabelung. Der rechte Weg ist ein klein wenig länger als der linke. Auf dem linken sehen Sie in einigen hundert Metern Entfernung fünf junge Männer entgegenkommen, die sehr laut und aggressiv klingend reden. Sie erkennen, dass diese arabisch sprechen. Auf dem rechten Weg kommen fünf junge Frauen entgegen, die dauernd kichern. Es scheint sich um Japanerinnen zu handeln. Welchen Weg werden Sie nehmen, den linken oder den rechten?

Nun stellen Sie sich bitte vor, wir haben a) tausend Menschen, die in jeweils tausend solcher oder ähnlichen Situationen, insgesamt also eine Million Fälle immer den linken Weg nehmen, weil er etwas kürzer ist und weil sie keinerlei Vorurteile haben, und b) tausend Menschen, die in jeweils tausend Situationen immer den rechten Weg nehmen, weil sie Vorurteile haben. Welche Gruppe wird im Durchschnitt wohl eine höhere Lebenserwartung haben und wird seltener Opfer von Gewaltverbrechen: a oder b?

Nützliche Vorurteile

Was viele nicht verstehen: Es gib gute, nützliche Vorurteile, z.B. „die fünf arabischen jungen Männer auf dem linken Weg sind bestimmt gefährlicher als die fünf Japanerinnen auf dem rechten“, die im Einzelfall auch mal falsch sein können, insgesamt aber hilfreich sind. Und es gibt schlechte, falsche, schädliche Vorurteile. In vielen Vorurteilen steckt kollektives, tradiertes Wissen, das sich auch in der Intuition niederschlägt (im Gehirn abgespeichertes Erfahrungswissen unterhalb der Bewusstseinsebene aus persönlicher oder vererbter Erfahrung).

Ein philosophischer, d.h. reflektierter Geist wird versuchen, sich seine Vorurteile 1. bewusst zu machen, sie 2. überprüfen und dann 3. entscheiden (urteilen), welche er weiter pflegen und welche er verwerfen will. Das heißt, er wird differenzieren (diskriminieren) und Vorurteile nicht pauschal verurteilen.

Entscheidend ist immer, ob man bereit ist, seine Vorurteile zu ändern, wenn man eigentlich merken müsste, dass sie nicht tragen. Es geht also um geistige Flexibilität und Beweglichkeit statt Erstarrung. Das Problem sind also nicht die Vorurteile an sich, deren Vorhandensein, sondern die Nichtanpassung bei Inadäquatheit. Genau so kommt geistige Entwicklung zustande. Und solche Menschen, die ihre Vorurteile immer wieder weiterentwickeln – das Urteil von heute ist das Vorurteil von morgen -, sind aufregend und spannend. Sich mit solchen auszutauschen, macht Spaß und bringt im Idealfall beide weiter.

Rehabilitierung des Vorurteils durch Hans-Georg Gadamer

Hans-Georg Gadamer (1900-2002), einer der bedeutendsten Denker des 20. Jahrhunderts, der erste Philosoph in der Menschheitsgeschichte, der über hundert Jahre alt wurde, den nicht wenige für den gebildetsten Menschen seiner Zeit hielten und den ich das große Glück hatte, noch kurz persönlich kennenlernen zu dürfen, hat in seiner Universal-Hermeneutik herausgearbeitet, dass wir bei jedem Verstehensvorgang des Vorurteils sogar bedürfen. Ohne Vorurteil können wir gar nicht verstehen, weil das zu Verstehende immer auf etwas fällt, was schon da ist, mit dem es abgeglichen werden muss.

Das Entscheidende ist also nicht, ob man Vorurteile hat oder nicht, die hat man immer, sondern ob man diese immer wieder überprüft. Beim Verstehensprozess kommt es zu einem ständigen Hin und Her zwischen dem Vorurteil und dem zu Verstehenden. Es findet ein ständiger Abgleich statt, d.h. das Ich geht von sich weg hin zu dem zu Verstehenden, dann wieder zurück zu sich, dann wieder hin …, solange bis das zu Verstehende wirklich erfasst wurde. Beim Nichtverstehen wird dieser Vorgang vorzeitig abgebrochen, bevor das zu Verstehende adäquat in sich aufgenommen wurde.

Max Horkheimer: Über das Vorurteil

Auch Max Horkheimer (1895-1973) befasste sich in seiner 1963 erschienen Schrift „Über das Vorurteil“ mit diesem Thema. „Das negative Vorurteil ist mit dem positiven eins. Sie sind zwei Seiten einer Sache“, so formuliert er.  Vorurteile werden heute meist per se als negativ empfunden: Wenn in Debatten über Vorurteile gestritten wird, geht es fast ausschließlich um negative Vorurteile. Wie entscheidend Vorurteile für unser tägliches Überleben sind, gerät darüber in Vergessenheit. Der moderne Alltag ist ohne Vorurteile gar nicht zu bewältigen. Horkheimer: „Im Dschungel der Zivilisation reichen angeborene Instinkte noch weniger aus als im Urwald. Ohne die Maschinerie der Vorurteile könnte einer nicht über die Straße gehen, geschweige denn einen Kunden bedienen.“

Jedes Individuum hat den Wunsch die Welt zu beurteilen, sein Ge- oder Missfallen an den Geschehnissen, seine Bewertung dieser auszudrücken. Ohne Vorurteile käme dies einem unmöglichen Unterfangen gleich. Oftmals sind kollektive Vorurteile das Ergebnis historisch gewachsener Interpretationsmuster, eine ganz normale Vereinfachung, um die Vielfalt der sozialen Wirklichkeit irgendwie zu bündeln und zu meistern.

Fazit

Im Vorurteil können im Einzelfall auch mal Fehlvorstellungen über die Welt zum Ausdruck kommen, die der Korrektur bedürfen. Nicht immer, aber sehr oft stecken in diesem aber nicht Fehlvorstellungen, sondern Wissen. Wichtiges Wissen, welches wir benötigen a) als Vorwissen oder Vorverständnis, um Neues, noch Unbekanntes, welches nie auf leeren Boden fällt, überhaupt erst verstehen zu können, und b) zur Orientierung.

Meine persönliche Empfehlung auf die eingangs gestellte Frage lautet daher: Hören und vertrauen Sie auf Ihre Intuition, in welcher Vorurteile in Form von Wissen, in Form von kollektiven und persönlichen Erfahrungswerten tief verankert sind, und nehmen Sie den rechten Weg.

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Bild: Pixabay, CC0 Public Domain

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AfD im Aufwind – Die Alternative zu Merkel, Schulz & Co. steigt bei Insa auf Platz 3

Von Jürgen Fritz

Vor einer Woche noch 1,5 Punkte hinter der Linkspartei liegt die AfD im neuesten INSA-Meinungstrend jetzt bereits einen Punkt vor dieser, lässt nicht nur die FDP hinter sich, sondern überholt auch die SED-Nachfolgerin und liegt erstmals seit drei Monaten klar vor dieser auf Platz 3. 

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Die AfD schiebt sich bei INSA an der FDP vorbei und überholt die Linkspartei

Die Hoffnungen der sechs anderen relevanten Parteien waren nicht gering, dass man es bis zum 24.09. vielleicht doch noch schaffen könnte, die AfD wie schon 2013 unter die magische Fünfprozent-Marke zu drücken und so aus dem Bundestag heraus zu halten. Doch danach sieht es knapp sechs Wochen vor der Bundestagswahl gar nicht aus. Im Gegenteil, die AfD, die sich in den letzten Wochen und Monaten eher einen Zweikampf mit der FDP um Platz 4 lieferte und zeitweise auf Platz 5 zurückgefallen war, scheint sich genau rechtzeitig erholt zu haben und legt wieder deutlich zu. Nachdem sie bereits in 13 von 16 Landtage eingezogen ist, scheint auch der Bundestagseinzug nicht wirklich in Gefahr.

Im INSA-Meinungstrend hat die AfD nicht nur die FDP, die Ende Mai noch 1,5 Punkte vor ihr lag, einen ganzen Punkt hinter sich gelassen, sie konnte vielmehr jetzt auch die Linkspartei überholen. Dabei hatte diese vor einer Woche noch einen klaren Vorsprung von 1,5 Punkten. Die SED-Nachfolgerin fällt innerhalb der letzten sieben Tage von 10,5 auf 9 Prozent und liegt jetzt sogar einen ganzen Punkt hinter der AfD, die sich von 9 auf 10 Prozent verbessern kann.

Wenig Veränderung gibt es bei den anderen Parteien. CDU/CSU und SPD verharren bei 37 bzw. 25 Prozent, die FDP bei 9, die sonstigen Parteien alle zusammen bei 3 Prozent. Lediglich die Grünen können sich bei INSA minimal verbessern von 6,5 auf 7 Prozent.

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Wahl-O-Matrix: die genauesten und aussagekräftigsten Werte

Noch interessanter und vor allem aussagekräftiger ist aber der Wahl-O-Matrix-Durchschnitt, welcher von jedem der zehn führenden Institute die jeweils aktuellste Umfrage mit einrechnet, sofern diese – bezogen auf den mittleren Tag der Befragung – nicht älter ist als vier Wochen. Hier sehen wir quasi mit leichter Zeitverzögerung am genauesten den aktuellen Stand und auch die Entwicklung, da die Fehler der einzelnen Institute sich hier eher gegenseitig eliminieren. Im Wahl-O-Matrix-Analyse-Tool, dem genauesten von allen, kommen die Parteien derzeit auf folgende Werte:

  1. CDU/CSU: 37 – 40 %
  2. SPD: 23 – 25 %
  3. Linke: 8 – 10 %
  4. AfD: 8 – 10 %
  5. FDP: 7 – 9 %
  6. Grüne: 6 – 8 %
  7. Sonstige: 3 – 6 %

Im arithmethischen Wahl-O-Matrix-Durchschnitt sieht das wie folgt aus. Wären jetzt schon Bundestagswahlen, könnten die Parteien in etwa mit folgenden Werten rechnen:

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Richtig spannend ist nur der Kampf um Platz 3

Platz 1 und 2 dürften so gut wie sicher sein. Dazu sind die Abstände zu groß, als es wahrscheinlich wäre, dass es hier noch zu Veränderungen käme. Die SPD liegt etwa genauso weit hinter CDU/CSU wie die AfD hinter der SPD, jeweils ca. 15 Punkte.

Der Kampf um Platz 3 scheint knapp sechs Wochen vor der Bundestagswahl aber völlig offen. Die Linkspartei, die außer den Grünen wie keine andere für grenzenlose Massenimmigration von Kulturfremden steht, die AfD und auch die äußerst flexible FDP – wir koalieren mit fast jedem, auch den Grünen, Hauptsache wir dürfen dabei sein – haben hier sehr gute Chancen, auf der Zielgerade Bronze zu holen. Die Grünen dürften die geringsten Aussichten auf Platz 3 haben. Sie finden sich immer mehr abgeschlagen auf Platz 6. Eines zeichnet sich aber auch im Wahl-O-Matrix-Durchschnitt immer deutlicher ab: die AfD ist im Aufwind.

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Bilder: © Eigene Grafiken sowie Youtube-Screenshot von Alice Weidel auf dem AfD-Bundesparteitag 2017

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Das Verhältnis von Vernunft und Gewalt

Von Jürgen Fritz

Die Vernunft bedarf der Gewalt, um zu verhindern, dass die Gewalt über die Vernunft gestellt wird.

Gladiator (2)

Legitimiert der gerechte Krieg die gewaltsame Unterwerfung fremder Kulturen?

„Aber plötzlich fuhr der Teufel in die Christen, so, daß sie in meinem Beisein, ohne die mindeste Veranlassung oder Ursache, mehr als dreitausend Menschen, Weiber und Kinder darnieder hieben, die rings um uns her auf der Erde saßen. Hier nahm ich so unbeschreibliche Grausamkeiten wahr, daß andere Sterbliche dergleichen wohl schwerlich gesehen haben, oder sie für möglich halten möchten.“ (Bartolomé de Las Casas, 1485-1566)

Bartolomé de Las Casas wurde 1485 in Sevilla geboren. Als Feldkaplan der Konquistadoren erlebte er bei der Eroberung Kubas die oben beschriebenen Gräueltaten und Massaker an den Ureinwohnern mit, was einen tiefen Sinneswandel in ihm bewirkte. Offenbar gab es eine Instanz in ihm, welche ihm unmissverständlich sagte, dass hier tiefes Unrecht, ja Unmenschliches geschah.

Die späteren Auseinandersetzungen, die Las Casas mit seinem Gegenspieler Sepúlveda führte, sind Meilensteine in der Debatte um das Recht kriegerischer Intervention in fremde Kulturen. Sepúlveda berief sich auf die Tradition des gerechten Krieges und meinte, dass die dafür erforderlichen Gründe gegeben seien. Er argumentierte theologisch. Aufgrund ihres sündhaften Wesens käme den Indios von Haus aus eine inferiore Natur zu. Zudem müssten unschuldige Opfer vor ihren gräulichen Religionspraktiken errettet werden. Und schließlich würde die Unterwerfung eine schnellere Ausbreitung des Christentums sicherstellen.

Der Gedanke der Gleichberechtigung der Menschen und Kulturen

Las Casas versuchte vor allem vom Naturrecht her die Unterlegenheit der Indios zu widerlegen und das Argument zu entkräften, dass das Gebot einer schnelleren Ausbreitung des Christentums notwendigerweise auch die Anwendung von Gewalt legitimiere. Hier scheint mir aus moralphilosophischer Sicht ein Schlüssel zu liegen.

Selbst wenn es eine kulturelle, geistig-sittliche Überlegenheit gibt, berechtigt dies kaum, diese dem Inferioren mit Gewalt aufzuzwingen, zumal dieser auf Grund seines Entwicklungsstandes oftmals gar nicht in der Lage ist, jenes, zu deren Entwicklung andere Jahrhunderte brauchten, einfach so zu übernehmen.

Im Falle, dass eine solche Überlegenheit, z.B. aus theologischen Erwägungen nur behauptet wird, tatsächlich aber gar nicht gegeben ist, liegt eine solche Legitimation gleich doppelt nicht vor. Und wenn die Kultur, die von sich behauptet, die überlegene zu sein, in Wahrheit sogar die inferiore ist, dann liegt eine Legitimation noch viel weniger vor, ganz im Gegenteil. Dann muss die gewaltsame Ausbreitung des Inferioren natürlich verhindert werden, notfalls mit Gewalt.

Die Grundlage des modernen Rechtsstaates

Mit diesen Überlegungen zur Gleichheit, genauer: Gleichberechtigung der Menschen und dem strikten Gebot der friedlichen Religionsverbreitung wies Las Casas weit in die Zukunft.

Dennoch ist die Kolonialisierung der von Spanien eroberten Territorien in Lateinamerika ein Indiz für die düstere Seite der conditio humana, der Bedingung des Mensch-seins, der Natur des Menschen (Thomas Hobbes: homo homini lupus = der Mensch ist dem Menschen ein Wolf).

Die Konquistadoren praktizierten kompromisslos das archaische Recht des Stärkeren. Die Gewalt ließ sich nicht mit Argumenten der Vernunft im Zaum halten. Daran wird folgende essenzielle Erkenntnis deutlich: Auch die Vernunft bedarf exekutiver Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele. Zu dieser Einsicht, die die Grundlage des modernen Rechtsstaates bildet – Stichwort: Gewaltenmonopol des Staates, Zerschlagung von Clan- und Stammesgewalt – sollte es aber noch ein langer Weg sein.

Das Verhältnis von Vernunft und Gewalt

Die Vernunft bedarf der Gewalt, um zu verhindern, dass die Gewalt über die Vernunft gestellt wird, um das Recht vor seinen Feinden zu schützen, um die Ungerechtigkeit nicht über die Gerechtigkeit triumphieren zu lassen. Eine Einsicht, die allzu viele vergessen haben (pazifistische Naivlinge). Daher ist es stets die erste und originäre Aufgabe des Staates, nach außen wehrhaft und verteidigungsfähig zu sein und nach innen, das Recht mit Gewalt durchsetzen zu können (äußere und innere Sicherheit). Das ist die Grundlage des Rechtsstaates. Ist das nicht gegeben, ist alles andere obsolet, denn was nutzt es Ihnen, wenn Sie alles Mögliche haben, Sie oder Ihre Liebsten aber ständig überfallen, ausgeraubt, zusammengeschlagen oder vergewaltigt werden und Sie sich nicht mehr sicher fühlen können? Ein Staat, der diese beiden primären Aufgaben nicht erfüllt, ist es nicht wert, ein solcher genannt zu werden.

Die Gewalt muss hierbei aber Dienerin der Vernunft sein, der theoretischen wie der praktischen Vernunft, der Wahrheit bzw. Erkenntnis (theoretische Vernunft) und der Ethik (praktische Vernunft). Sie darf niemals über der Vernunft stehen. Das archaische Recht des Stärkeren, die brutale, rücksichtslose Gewalt bis hin zur Grausamkeit muss überwunden werden und überwunden bleiben! Diese dürfen nicht zurückkehren, auch nicht im Gewand einer religiösen Weltanschauung. Die Rückkehr und die Herrschaft der Gewalt muss mit Gewalt verhindert werden. Diese Dialektik verstehen die weniger Vernunftbegabten viel zu selten, denen es bisweilen an Realitätssinn mangelt, gerade was die menschliche Natur (homo homini lupus) anbelangt.

Denn Vernunft ohne Gewalt ist in der Welt, wie sie nun einmal auf Grund der conditio humana de facto ist, nicht überlebensfähig, wird unweigerlich untergehen. Doch die Gewalt muss hierbei die Dienerin sein, darf niemals zur Herrin werden, die sich der Vernunft bedient, um sie zur rein instrumentellen Vernunft zu degradieren. Die Vernunft muss stets über der Gewalt stehen. Sie muss die Herrin sein. Siehe dazu auch das platonische Seelenmodell. Die Vernunft bedarf aber der Gewalt, um zu verhindern, dass die Gewalt über die Vernunft gestellt wird.

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Literaturempfehlung: Jörg Lauster, Die Verzauberung der Welt – Eine Kulturgeschichte des Christentums, C.H.Beck

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Bild: Youtube-Screenshot aus Gladiator

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Die politische Korrektheit – die Nemesis des Westens?

Ein lesenswerter Gastbeitrag von Axel R. Göhring auf Philosophia perennis:

philosophia perennis

Ein Gastbeitrag von Axel R. Göhring

Politische Korrektheiten wie der nationalistische Militarismus des frühen 20. Jahrhunderts, der die Welt an seinem Wesen genesen lassen wollte, haben in Deutschland, Europa und der Welt Katastrophen von historischem Ausmaß ausgelöst. Eigentlich müssten wir daraus gelernt haben und heute davor gefeit sein.

Weit gefehlt: Auch die aktuelle „politische Korrektheit“ formuliert erneut widersprüchliche weltfremde Mythen, die halb-totalitär auf allen Kanälen verbreitet werden und denen nicht widersprochen werden darf. Wie damals mit erheblichen Kosten und katastrophalen Folgen.

Der britische Komiker John Cleese erklärte einmal in einem Interview, dass die heutige politische Korrektheit, die Mitte der 1980er von linken Studenten an US-amerikanischen Universitätsstandorten wie Berkeley entwickelt wurde, ursprünglich eine gute Sache gewesen sei. Die Forderung nach Nicht-Diskriminierung von gesellschaftlichen Minderheiten wie Afrikanern und Homosexuellen sei ein notwendiger zivilisatorischer Fortschritt gewesen. Heute allerdings werde die politische Korrektheit zunehmend dafür missbraucht, das Recht auf Meinungsfreiheit zu beschneiden und…

Ursprünglichen Post anzeigen 1.763 weitere Wörter

Wie der Frosch im heißen Wasser

Ein Gastbeitrag von Alexander Meschnig

Die massenhafte Zuwanderung aus arabischen und afrikanischen Ländern erzwingt faktische Umwälzungen in Europa. Die Maßstäbe dessen, was noch vor kurzem als „normal“ galt, verschieben sich mehr und mehr. Was früher als Skandal galt, wird heute hingenommen. Man gewöhnt sich daran wie ein Frosch, der im Wasser sitzt, während es erhitzt wird.

Frosch im Topf 1 (3)

I. Der Sozialstaat in Gefahr

Wahrscheinlich erleben wir gerade eine der größten Umwälzungen in der europäischen Geschichte. Die massenhafte Zuwanderung aus den zerfallenden Gemeinschaften arabischer und afrikanischer Staaten mit ihren youth bulges, einem riesigen Überschuss an jungen Männern, ist ein Ereignis von weitreichender Bedeutung, das lange Zeit wie eine Naturkatastrophe, die über einen hereinbricht, behandelt wurde. Auch aktuell hat man nicht den Eindruck, dass irgendjemand der politisch Verantwortlichen in Deutschland den Ernst der Lage begreift. Der spätestens seit September 2015 herrschende Unwille der Regierung, sich mit unangenehmen Fragen und Entscheidungen auseinanderzusetzen, sie entweder in die Zukunft zu verschieben oder von anderen Akteuren eine Lösung zu erwarten, verhindert immer noch alle längst notwendigen Schritte. Hunderttausende von hauptsächlich jungen, muslimischen, männlichen Einwanderern wurden und werden deshalb weiter in Deutschland aufgenommen und großzügig alimentiert.

Im Prinzip läuft die Entwicklung auf eine Auflösung des National- und damit auch des Sozialstaates in Deutschland hinaus. Ersterer ist in den Augen der politischen und medialen Eliten sowieso nur noch ein Relikt dunkler Zeiten und durch die europäische Idee zu ersetzen. Die unkontrollierte Masseneinwanderung und die offensichtlich von höchster Stelle gewollte Transformation – „Das Volk ist jeder, der hier im Land lebt“ – werden in absehbarer Zeit die Grundlagen des Sozialstaates zerstören, der auf fragilen Voraussetzungen beruht: Solidarität, Gegenseitigkeit, Vertrauen, ein funktionierender Rechtsstaat, die Aufgabe tribalistischer Strukturen und eine weitgehend kulturelle Homogenität seiner Bürger. Alles Elemente, die in Kombination für sich genommen historisch und im globalen Maßstab eine Ausnahme bilden.

Die Existenz des Sozialstaates steht heute mit der ubiquitären Öffnung für praktisch alle Einwanderungswilligen auf dem Spiel, da die wesentlichen Voraussetzungen (unabhängig von den horrenden Kosten) für sein Funktionieren unter der Last der Massenmigration brüchig werden. Der 2016 verstorbene Zivilisationshistoriker Rolf Peter Sieferle fasst die Situation in einem Essay zum „Migrationsproblem“ knapp zusammen: „Ein Ausbau des Sozialstaats bei gleichzeitiger Öffnung für Immigration ist zweifellos nicht nachhaltig. Es wäre so, als drehte man die Heizung auf und öffnete gleichzeitig die Fenster.“

II. Das erschreckende Tempo der Veränderungen

Historiker werden wohl erst nach Jahren detailliert rekonstruieren können, welche Konsequenzen ein singuläres Ereignis wie die deutsche Grenzöffnung im September 2015 für die europäische Geschichte hatte. Selbst wenn wir bereits heute bestimmte historische Kontinuitäten, mentale Muster und politische Fehleinschätzungen konstatieren können: Viele der aktuellen Entwicklungen wären noch vor einigen Jahren von den allermeisten Beobachtern als undenkbar abgetan worden.

Wahrscheinlich besitzen alle großen Umwälzungen der Geschichte“, so Joachim Radkau in „Das Zeitalter der Nervosität“, einer lesenswerten Studie der wilhelminischen Ära, „in ihrer Entstehungsweise ein Element der Kontingenz, der zufälligen Verknüpfung verschiedener Entwicklungslinien; denn ohne einen gewissen Überrumpelungseffekt wären sie nicht möglich.“

Geschichte ist niemals linear oder allein das bewusste Ergebnis handelnder Akteure (der Irrtum jeder Verschwörungstheorie), was aber nicht bedeutet, dass es keine Korrekturmöglichkeiten oder unterschiedliche Optionen gibt.

Erschreckend an den vergangenen zwei Jahren ist insbesondere die Geschwindigkeit, mit der sich die Veränderungen unserer gewohnten Welt vollziehen. Die menschliche Psyche hat aus Überlebensgründen die Fähigkeit, sich an veränderte Bedingungen anzupassen. Durch Gewöhnung verschieben sich die Maßstäbe dessen, was noch vor kurzem als „normal“ galt, mehr und mehr. Was früher als ein Einbruch in unser Leben oder Skandal galt, wird heute als unveränderbare Realität wahrgenommen, akzeptiert und/oder resignativ hingenommen.

Vieles, was noch bis vor nicht allzu langer Zeit als Ausdruck von Pessimismus oder dystopische Phantasie abgetan wurde, ist heute längst Wirklichkeit. Wenn wir ehrlich sind, wer hätte sich – obwohl es natürlich für nüchterne Analytiker Anzeichen dafür gab – Anfang 2015 vorstellen können, wo wir uns heute befinden?

  • Weihnachtsmärkte, Karnevalsumzüge und größere Veranstaltungen müssen von schwer bewaffneten Polizisten, mit Straßensperren und strengen Einlasskontrollen gesichert werden;
  • Gewaltverbrechen von neuer Qualität, Vergewaltigungen, Messerstechereien, Massenschlägereien, Angriffe auf Polizisten, Rettungs- und Krankenhauspersonal sind Alltag geworden;
  • Pfefferspray, Schusswaffen, Überwachungs- und Sicherheitselektronik sind Verkaufsschlager;
  • Hunderttausende abgelehnte Asylbewerber, die vorher alle ungeprüft ins Land gelassen und willkommen geheißen wurden, können nun aus unzähligen Gründen nicht abgeschoben werden;
  • Die Kosten der „Willkommenskultur“ – Unterbringung, Integration, Sprachkurse, Hartz IV, Gesundheitskassen, Sicherheit – erreichen inzwischen schwindelerregende Summen (nach Schätzungen für 2017 zwischen 20 und 40 Milliarden Euro);
  • Politiker einer demokratisch gewählten Partei werden angegriffen, Hoteliers und Veranstaltungsorte vermieten auf Druck linker Gewalttäter keine Räume für Parteiversammlungen oder werden massiv von „toleranten und weltoffenen Gruppen“ bedroht;
  • Tausende deutsche Staatsbürger mit Doppelpass fordern bei einem Auftritt des türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim in Oberhausen lautstark die Einführung der Todesstrafe in der Türkei;
  • Die Opfer eines islamistischen Terroranschlags in Berlin werden praktisch totgeschwiegen; erst auf massiven Druck der Öffentlichkeit müssen die politisch Verantwortlichen (niemand tritt zurück) eine Gedenkveranstaltung mehr als drei Wochen nach dem Anschlag abhalten.

Die Liste der bis vor kurzem noch für ganz unwahrscheinlich gehaltenen Tatsachen lässt sich endlos fortführen. Der Gewöhnungseffekt hat dabei längst eingesetzt, nur noch spektakuläre Ereignisse lassen uns aufhorchen. Die Abstumpfung hat uns alle erfasst und das ist ein wirklich schlechtes Zeichen.

III. Die beharrliche Verdrängung der Wirklichkeit

Beunruhigend ist aber auch, das viele Bürger keine Notiz von diesen täglichen Vorfällen nehmen oder die realen Entwicklungen, in den Worten der Kanzlerin, für „alternativlos“ halten, wenn sie nicht weiter schlicht geleugnet oder gar als Hetze bezeichnet werden (jeder Hinweis auf Gewalttaten von Migranten gilt für weite Teile der politischen und medialen Elite als rechtspopulistisch). Die hartnäckige Leugnung, das stumme Hinnehmen, aber mehr noch die beharrliche Realitätsverweigerung in weiten Teilen der Gesellschaft, sind offenbar spezifische Kennzeichen der deutschen Situation.

Ein Blick auf die ausländische Berichterstattung zeigt, dass viele Kommentatoren die hiesigen Entwicklungen mit zunehmendem Unverständnis betrachten. Deutschland ist mit seiner Position in Europa weitgehend isoliert. Im Blick der „Verantwortungsethiker“ (Max Weber), erscheint die praktisch ausnahmslose Grenzöffnung für alle Migranten – es reicht, das Wort „Asyl“ korrekt auszusprechen – die Ausnahme. Die Tabuisierung aller nationalen Interessen, die faktische Preisgabe des Landes, wird in den Augen der meisten anderen europäischen Staaten, wie auch von Ländern wie China, Japan oder den USA, als „deutscher Sonderweg“ betrachtet, als eine illusionäre und weltfremde Politik, die einer Selbstzerstörung gleichkommt. Dass ursprünglich im linksextremen Spektrum angesiedelte Positionen („No borders“, „Kein Mensch ist illegal“) zur Staatsdoktrin in einem von einer (einst) konservativen Partei geführten Deutschland wurden, ist vielleicht die erstaunlichste Tatsache des „summer of love.“

Orientiert an der Idee einer „universellen Menschheit“, der Absage an jedes nationale Interesse als unmoralisch und egozentrisch, wurde die Grenzöffnung als eine Art moralischer Imperativ kommuniziert. In Wirklichkeit wollte man sich einfach nicht mit den Bildern geschlossener Grenzen und randalierender Flüchtlinge konfrontieren, da die politische Führung die Verantwortung für die daraus resultierenden Maßnahmen nicht übernehmen wollte. Im November 2015 hatte ich dazu in einem Artikel für die „Achse“ geschrieben:

Es wird niemand tausende junge Männer, die entschlossen die deutsche Grenze überschreiten, ohne Gewaltanwendung aufhalten können. Bilder von physischen Auseinandersetzungen an etwa der deutsch-österreichischen Grenze wären bei Einhaltung der gesetzlichen Regeln unvermeidlich. Genau diese Bilder will Merkel verhindern. Das ist – zugegeben – ein legitimes Anliegen und moralisch zweifellos zu rechtfertigen, es stellt sich aber als Konsequenz die Frage: Kann jemand, der so denkt und (nicht) handelt, einen Staat in der größten Krise der letzten Jahrzehnte führen?“

Die gesinnungsethische Radikalität, vielleicht nur ein Ausdruck politischer Feigheit und mentaler Schwäche, ist im Kern genuin unpolitisch. Denn ihre abstrakten Forderungen reflektieren weder die Folgen ihres Handelns noch die von ihr erzeugten Effekte. Dass sich eine deutsche Bundeskanzlerin in infantiler Pose für Selfies mit in der Regel illegalen Einwanderern zur Verfügung stellte, ohne offensichtlich in Erwägung zu ziehen, was solche Bilder in den arabischen und afrikanischen Ländern auslösen, war nur die Spitze eines Kitsch- und Rührstücks, welches das Politische durch einen moralischen Imperativ ersetzte.

IV. Das Diktat moralischer Erhabenheit

Inzwischen wird immer deutlicher, dass die rein gesinnungsethischen Positionen unter dem Druck der Realität zu bröckeln beginnen. Große Teile des linksgrünen Milieus – und dazu gehören inzwischen auch Teile der CDU, die die Grünen als Partei fast überflüssig machen – weigern sich zwar weiter standhaft, die Folgen einer Politik einzugestehen, die die Sicherheit, Stabilität und Prosperität Europas als Ganzes bedrohen, aber ihre Botschaften klingen bereits mehr wie Rückzugsgefechte.

Von Anfang an wurde aus Gründen der sozusagen „nachträglichen Rechtfertigung“ von führenden Vertretern der „Willkommenskultur“ deshalb versucht, uns die Folgen der massenhaften Einwanderung als eine „Win-Situation“ zu verkaufen. Wie im Märchen sollten die „Neuhinzugekommenen“ Deutschland nicht nur von seiner historischen Last erlösen, für das vielzitierte „Bunt“ in einer grauen Republik sorgen, uns mit den Worten Maria Böhmers „mit ihrer Kultur und Herzlichkeit bereichern,“ sondern auch für handfeste Ergebnisse bei der Steigerung des Bruttosozialprodukts sorgen. Industrie-Vertreter wie etwa der Daimler-Chef Dieter Zetsche halluzinierten schon von einem „nächsten deutschen Wirtschaftswunder“.

Die Realität sieht heute so aus: In den 30 DAX-Unternehmen mit mehr als 1,1 Billionen Euro Jahresumsatz und rund 3,5 Millionen Beschäftigten wurden gerade einmal 54 Flüchtlinge bzw. Zuwanderer fest angestellt, davon entfielen allein 50 auf die Deutsche Post. Der unkontrollierte Zuzug aus mehrheitlich islamischen Ländern, so die Einschätzung des „Instituts der deutschen Wirtschaft“ in Köln (IW Köln), wird in den kommenden Jahren zu einem sinkenden Leistungsniveau des deutschen Bildungssystems führen. Nach Einschätzung der Vereinten Nationen wird das multikulturelle Schweden bis 2030 ein Dritte-Welt-Land werden. Das mag vielleicht übertrieben sein, die jüngsten PISA-Ergebnisse zeigen aber: Kein Land ist im Ranking so stark abgestürzt wie Schweden. In Mathematik, in den Naturwissenschaften und beim Lesen liegt Schweden inzwischen unter dem OECD-Durchschnitt.

Neben der angeblichen Ankurbelung der Wirtschaft waren für die Verfechter der „Willkommenskultur“ auch die Lösung der demografischen Probleme, die Rentenfinanzierung und eine „Auffrischung des Genpools“ (Schäuble) erwünschte Nebeneffekte der Migrationswelle. Auf dem Höhepunkt der Hysterie, mit applaudierenden Bürgern an Bahnsteigen, Blumen und Girlanden (das erinnerte an siegreiche Kriegsheimkehrer), wurden jeden Tag neue Vorteile entdeckt. Gegenargumente, ein nüchterner Blick auf die empirische Gestalt des durchschnittlichen Migranten (jung, männlich, ungebildet) und seiner Herkunftsgesellschaft jenseits einer abstrakten „Fremdenliebe“, prallten an den moralisch Erhabenen ab und führten im Regelfall zur gesellschaftlichen und medialen Ausgrenzung des Kritikers. Eine Gesinnung ist empirisch solange nicht falsifizierbar, solange sie an sich selbst glaubt. Und das kann bekanntlich (siehe Kommunismus) lange dauern.

V. Das Versagen der politischen Führung

Zu dem Zeitpunkt an dem die Realität mit aller Macht die Ideologie ad absurdum führen wird, werden die Positionen der einst Diffamierten, wie die der AfD oder des „Packs“, voraussichtlich zu Forderungen der Regierung. Das deutet sich bereits in manchen kühnen Volten der einstigen Vorturner an, wenngleich die eigenen Irrtümer und das komplette Versagen nur in Ausnahmefällen eingestanden werden. Im Prinzip müsste man die Verantwortlichen in Politik – und vor allem auch in den Medien – jeden Tag in Endlosschleife mit ihren Haltungen der vergangenen zwei Jahre konfrontieren. Hat sich etwa Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) für seine Aussagen am 16. November 2015 bei denjenigen entschuldigt, die damals als Hassprediger galten, nur weil sie bestimmte Probleme ansprachen? Wir erinnern hier an seine Lageeinschätzung:

„Es gibt keine Verbindung, keine einzige nachweisbare Verbindung zwischen dem Terrorismus und den Flüchtlingen außer vielleicht einer: nämlich dass die Flüchtlinge vor den gleichen Leuten in Syrien flüchten, die verantwortlich sind für die Anschläge in Paris.“

Dabei hatten sogar Teile der eigenen Geheimdienste früh auf Verbindungen von Terrorismus und Flüchtlingsströmen hingewiesen. Die Mißachtung dieser Warnungen zeigt, dass die Weigerung, unangenehme Tatsachen anzuerkennen, in der Staatsspitze Konsens war. Wenn regierungsverantwortliche Personen ihr Handeln rein gesinnungsethisch ausrichten, kann man von einem Versagen der Staatsführung sprechen. Das wird brandgefährlich, wenn Entscheidungen getroffen werden müssen, die eine existentielle Bedeutung haben, da bestimmte Entwicklungen den Bestand des Gemeinwesens bedrohen. In einer solchen Situation befinden wir uns heute, auch wenn die gute Konjunktur, hohe Steuereinnahmen sowie funktionierende administrative und zivilgesellschaftliche Strukturen das noch eine Zeit lang verdecken können.

Da viele Probleme erst später in vollem Umfang sichtbar werden, fällt es vielen Bürgern leicht, sie zu ignorieren. Hinzu kommt die Gewöhnung an veränderte Zustände, ein langsamer und schleichender Prozess der Aushöhlung des einst Vertrauten. Es wirkt wie ein Betäubungsmittel. Die Dinge entwickeln sich eben so und nehmen ihren scheinbar vorbestimmten Lauf. Wie auf der staatlichen Ebene, fehlt auch in der Gesellschaft so etwas wie der Wille, sich zu behaupten, überhaupt etwas zu wollen. Dieser Wille ist für die Weiterexistenz der freiheitlichen und demokratischen Welt aber unabdingbar.

In dem nach seinem Freitod erschienen Band „Das Migrationsproblem“ in der Werkreihe von TUMULT kommt der anfangs erwähnte Rolf Peter Sieferle zu folgendem abschließendem Urteil:

„Ein altes Rechtsprinzip lautet ultra posse nemo obligatur, d. h. jede Verpflichtung hat ihre Grenze dort, wo die Selbstzerstörung begänne. Das Leben wie auch das Überleben des politischen Gemeinwesens hat einen Vorrang vor abstrakten Rechtsprinzipien, auch wenn es einzelnen freistehen mag, den Selbstmord zu wählen. Die politische Führung ist dazu jedoch nirgendwo ermächtigt. Man kann, wenn man will, die andere Wange hinhalten; die Regierung darf jedoch nicht die Wange des Volkes hinhalten, das sie gewählt hat.“

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Zum Autor: Dr. Alexander Meschnig, geboren 1965 in Dornbirn (Österreich), studierte Psychologie und Pädagogik in Innsbruck. 1992 Umzug nach Berlin und Promotion in Politikwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin. Neben kulturwissenschaftlichen Veröffentlichungen („www.revolution.de. Die Kultur der New Economy“, 2001 – „Arbeit als Lebensstil“, 2003 – „Wunschlos unglücklich“, 2005) arbeitet er vor allem zu den Themen Nationalsozialismus („Uns kriegt ihr nicht. Jüdische Überlebende erzählen“, 2013), Militär- und Kriegsgeschichte („Der Wille zur Bewegung. Militärischer Traum und totalitäres Programm“, 2008). Er veröffentlicht regelmäßig Artikel auf der „Achse des Guten“, analysiert dort unter mentalitätsgeschichtlicher und psycho-historischer Perspektive die politische Situation in Deutschland. Alexander Meschnig lebt mit Frau und Siam-Kater in Berlin.

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Dieser Artikel erschien zuerst auf Achgut.com.

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Bild: Youtube-Screenshot aus Frog in a pot.

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Jugendschutz.net: Ist Philosophia Perennis jugendgefährdend?

Absolut erschreckend, was David Berger hier berichtet. Die antidemokratischen, linken, islamophilen Verfassungsfeinde machen Zug um Zug weiter, alles abzuschaffen, was hier mühsamst aufgebaut wurde und was uns lieb und teuer geworden, insbesondere die Redefreiheit, ein Grund- und Menschenrecht, und das Recht auf Opposition, das zum Kernbestand unserer Verfassung gehört, der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

philosophia perennis

(David Berger) Vor einer Woche hatte ich geschrieben: Gleich dreimal innerhalb der letzten vier Wochen war PHILOSOPHIA PERENNIS (PP) gezwungen, sich einen Rechtsanwalt zu nehmen. Nicht dass wir irgendetwas verbrochen hätten. Aber die Linken haben eine neue Strategie entdeckt: Obwohl sie eigentlich den Rechtsstaat verachten, greifen sie immer öfter darauf zurück, um diejenigen, die ihnen gefährlich werden könnten, durch meistens sinnlose Anzeigen und Klagen mürbe zu machen, bis sie aufgeben.

Diese Strategie des Mürbemachens durch Zivilklagen ist nun durch eine weitere bereichert worden:

Vor zwei Tagen fand ich in meinem Briefkasten ein Schreiben von Jugendschutz.net aus Mainz. Bei dem Absender handelt es sich laut eigener Angaben um das „gemeinsame Kompetenzzentrum von Bund und Ländern für den Jugendschutz im Internet“.

Uns wird mitgeteilt, dass Philosophia Perennis „absolut unzulässige Inhalte“, die die Jugend gefährden, beinhaltet. Jeder denkt nun sofort an Pornographie, Anweisungen zum Drogengebrauch usw. Aber da hat er die neuesten Entwicklungen…

Ursprünglichen Post anzeigen 301 weitere Wörter

Der ewige Nazi

Von Jürgen Fritz

Die Welt braucht Juden. Seit Auschwitz sind die neuen Juden aber die Deutschen. Diese sind mit einer untilgbaren Kollektivschuld beladen. Daher müssen sie, wenn die Erde von ihren unvergleichlichen Verbrechen gereinigt werden soll, vollständig verschwinden, in einer abstrakten „Menschheit“ auf- und untergehen. Doch was dann? Wer sollen die neuen Juden sein, wenn die Deutschen verschwunden sind?

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Vorbemerkung

Der folgende Text beschreibt nicht mein eigenes Denken und auch nicht das von Rolf Peter Sieferle, dem Autor von „Finis Germania“. Beschrieben wird vielmehr, wie ein Großteil der Deutschen und auch der Europäer „denkt“ respektive dies eben gerade nicht tut, was hinter dieser Weltsicht steckt und wo sie herkommt. Ich selbst teile Sieferles Deskription nahezu vollständig, halte sie für sehr tiefsinnig und zugleich für grandios, weswegen sie hier wiedergegeben werden soll.

Eines der letzten großen Tabus

„Es gibt noch Mythen und es gibt noch Tabus.“ Mit diesen Worten beginnt Rolf Peter Sieferle einen der wichtigsten, ja vielleicht den Schlüsseltext seines posthum erschienenen Büchleins Finis Germaniawelcher mit Der ewige Nazi überschrieben ist. Nacktheit und Sexualpraktiken, so Sieferle, gehörten nicht mehr zu den Tabus, ebenso wenig die Blasphemie. Sofern Letztere sich auf den Juden- oder Christengott bezieht, möchte ich ergänzen, und nicht auf den der Muslimengott, nicht auf Allah. Da sieht die Sache schnell anders aus. Warum dem so ist, wäre Stoff für eine eigene Abhandlung. Die christlichen Götter jedoch, auf welche Sieferle sich hier primär bezieht, dürfen in der Tat beliebig gelästert werden, ohne dass dies großartige Konsequenzen hätte. Gleichwohl gebe es bei uns mindestens ein Tabu, welches unverrückbar stehe: der Antisemitismus.

Kritik an den Amis (sehr beliebt), den Russen, den Reichen (ebenfalls sehr beliebt), der Industrie, den Gewerkschaften, den Intellektuellen, den Männern, den Politikern, den Deutschen sei stets wohlfeil und in beliebiger Schärfe formulierbar. Kritik an den Juden jedoch müsse auf die sorgfältigste Weise in die Versicherung eingepackt werden, es handle sich dabei keinesfalls um Antisemitismus, so Sieferle. Und ich ergänze wieder: Kritik am Islam und seinen Anhängern ist noch viel weniger möglich, ist ein noch viel größeres Tabu. Doch bleiben wir bei Sieferles Gedankengang. Der Grund für das Antisemitismus-Tabu liege auf der Hand. Unsere durch und durch rationalisierte Welt habe einen letzten Mythos, der nicht angetastet werden dürfe: den Nationalsozialismus, genauer Auschwitz. Doch was ist ein Mythos?

Mythos und Schuld

Ein Mythos, macht Sieferle klar, ist eine Wahrheit, die jenseits der Diskussion steht. Der Mythos brauche sich nicht zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Er dürfe gar nicht nach einer Rechtfertigung befragt werden. Bereits die Spur des Zweifels, die schon in einer Relativierung läge, stellte einen Verstoß gegen das dar, was den Mythos schützt und sich vor ihn stellt, das Tabu. Auschwitz müsse unvergleichlich bleiben. Denn sobald man sich auf Aufklärung und den historischen Vergleich überhaupt auch nur einlasse, sei die Unvergleichlichkeit schnell dahin. Daher dürfe man gar nicht erst beginnen zu vergleichen. Daher das Tabu. Auschwitz müsse, so der Konsens derer, die alles bestimmen und dominieren, der Inbegriff einer singulären und untilgbaren Schuld sein und bleiben. Was aber bedeutet Schuld, fragt Sieferle?

Schuld bedeute zunächst einmal Verursachung. Man könne nur an etwas schuld sein, was man auch selbst verursacht habe. Aber Schuld sei mehr als nur eine Verursachung. Es müsse noch etwas hinzukommen, um von Schuld sprechen zu können. Eine Verunreinigung, eine Befleckung des Rechts, die normalerweise durch reinigende Rituale beseitigt, zumindest aber gemildert werden könne. Der Verbrecher habe die Rechtsgemeinschaft beschmutzt. Die Säuberung geschieht durch seine Bestrafung, so Sieferle.

Ist die Schuld sehr groß, helfe nur noch die restlose Austilgung des Beschmutzers. Dieser werde den Elementen zurückgegeben: dem Feuer, das ihn verbrenne, dem Wasser, das ihn ertränke, der Luft, in der man ihn erhängt, und der Erde, welche ihn schließlich bedeckt. Es bereite den Menschen Unbehagen, in derselben Welt zu leben wie der Verbrecher, der Verschmutzer. Daher müsse er verschwinden, damit die Menschheit vom Anblick seiner Verworfenheit befreit werde. Seine schiere Existenz sei für die anderen unerträglich.

Der Sinn der Kollektivschuld

Aber es gebe nicht nur die individuelle Schuld des Verbrechers, sondern auch noch etwas anderes, wie Sieferle verdeutlicht: die Kollektivschuld seiner Sippe, seines Stammes, seiner Nation. Bei der Kollektivschuld gebe es aber keine eindeutige Zurechnung von Tat und Täter. Deswegen könne die Schuld auch nicht per Eliminierung des Verbrechers getilgt werden. Das soll sie aber auch gar nicht. Denn der Sinn der Kollektivschuld sei ein ganz anderer. Sie soll nicht aus der Welt geschafft werden, im Gegenteil: die Welt brauche die Kollektivschuld. Inwiefern?

Bei der Kollektivschuld handele es sich um eine solche von metaphysischen Ausmaßen, die alles übersteige. Um diese Figur zu verstehen, müssen wir auf einen anderen, einen archaischen Mythos zurückgreifen, auf den Sieferle umsichtig rekuriert: den Mythos von der Erbsünde. Adam und Eva, die ersten Menschen, haben sich an Gott versündigt, weil sie sein Gebot brachen, auf keinen Fall vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu kosten. Damit aber verdarben sie das gesamte aus ihnen entspringende Menschengeschlecht für alle Zeit. So das mythische Denken.

Nebenbemerkung von mir: Dieser Mythos von der Erbsünde, der auf Paulus zurückgeht und den es in dieser Form weder im Judentum noch im Islam gibt, kann in seiner Bedeutung gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. In ihm kommt etwas Essenzielles der menschlichen Natur zum Ausdruck, die natürliche Anlage zum Bösen, die in jedem Menschen, in jedem Kind von Anfang an drin steckt und die zur conditio humana gehört. Der natürlichen Anlage zum Bösen steht zugleich aber etwas anderes gegenüber: der Sinn für das Gute, das Gefühl und die Anlage zur Moral und sogar noch mehr als das: die Empfänglichkeit und Offenheit zur Moralität, zur Ethik, der Reflexion und Legitimation von Moral. Diese zwei Pole in unserem Innern, der Hang zur Verkommenheit und das Gefühl und die Sehnsucht nach dem Guten, machen uns zu innerlich zutiefst zerrissenen Geschöpfen. Genau dies macht unser Wesen mit aus und bildet zugleich die Folie, vor der alle Ausführungen Sieferles ihre Tiefendimension finden. Doch zurück zu diesem.

Schuld, Buße, Gnade und Liebe gehören ursprünglich zusammen

Der Schuld, die Adam und Eva auf sich luden, werde, wie Sieferle herausarbeitet, durch etwas anderes aufgefangen: von der Gnade Gottes. Der Mensch stürze, aber er stürze nicht in den bodenlosen Abgrund der völligen Verkommenheit. Er werde gehalten. Dabei sei die Größe der Schuld des Menschen notwendig, um die Größe der Gnade Gottes herauszustellen, der hierzu des sündigen Menschen bedürfe. Schuld, Buße, Gnade und Liebe seien daher von Anfang an untrennbar verbunden.

Mit „Auschwitz“ hätten die Deutschen nach der gängigen Vorstellung eine Kollektivschuld auf sich geladen. Auch hier werde zur permanenten Buße aufgerufen. Dem Deutschen werde es nicht gestattet, nicht Buße tun zu wollen, für das, was seine Vorfahren taten. Er werde zur Buße verpflichtet. Doch in dieser säkularisierten Form der Erbsünde fehle etwas, was der christliche Mythos untrennbar mit Schuld und Buße verband, macht Sieferle deutlich: die Gnade. Und die Liebe. Der christliche Gott hörte in all seinem Zorn, in all seiner Enttäuschung, in all seiner Wut dennoch nicht auf, seine Kinder zu lieben und ließ ihnen trotz harter Strafe, der Vertreibung aus dem Paradies, Gnade zuteil werden. Der Deutsche aber, der mit der Kollektivschuld belastet sei, könne Buße tun, wie er will, ihm werde solches niemals zuteil.

Die Rolle der Teuflischen wird neu besetzt

Daher ähnelt der Deutsche nach Sieferle nicht dem Menschen, dessen Schuld durch die Liebe Gottes zumindest kompensiert werde, sondern einer anderen Gestalt: dem Teufel. Dem gestürzten Engel, dessen Schuld niemals vergeben werden könne, der für alle Zeiten von Gott getrennt sei.

Natürlich komme auch dem Teufel in der christlichen Lehre und im mythischen Denken eine essenzielle Rolle zu, die dann im modernen, säkularen Denken neu besetzt werden müsse. Der Satan bildet nach Sieferle die Negativfolie, welcher Gott wiederum bedürfe, um sich in seiner Güte positiv abheben zu können. Der Teufel sei die personifizierte Negativität, derer Gott gleich doppelt benötige, a) um sich von ihr abheben zu können, b) um sich von den quälenden Fragen nach der Rechtfertigung der Übel in der Welt zu entlasten. Denn Schuld habe immer zuerst mit Verursachung zu tun, wie wir oben gesehen haben. Der Verursacher von allem aber sei der Schöpfer der Welt, so dass sich hier die Schuldfrage für alles Böse unweigerlich stelle und Gott hier der erste Adressat sei. Durch die Konstruktion des Teufels aber, könne die Schuld auf ihn umgelenkt werden. „Nicht ich bin schuld, sondern der da!“. Gott und die Welt bräuchten also den Satan. Was aber tun in einer Welt, die nicht mehr an diesen gefallenen Engel glaube?

Der Deutsche wird zum neuen Juden

Jetzt komme der Deutsche ins Spiel, mit dem diese Rolle grandios neu besetzt werden könne. Der Deutsche, oder zumindest der Nazi, sei nun der säkularisierte Teufel der aufgeklärten Gegenwart, die sich von den alten Mythen gelöst habe und doch nicht von ihnen loskomme. Die mündig und autonom gewordene Welt brauche den Nazi als die Negativfolie, vor der sie selbst sich überhaupt erst rechtfertigen könne. Das eigene Gut-sein werde, definiert über das Bekämpfen des bösen Nazis. Der Deutsche werde, so Sieferle, zum neuen Juden. Warum zum Juden?

In der großen christlichen Erzählung gebe es nach dem Sündenfall Adam und Evas ein zweites ganz großes Menschheitsverbrechen: die Kreuzigung Christi. Dieses Verbrechen wurde zwar sogleich wieder aufgehoben durch die Auferstehung am dritten Tage und damit kam die Erlösung. Doch hatte diese Erlösung eine Voraussetzung: den Glauben. Den Glauben, dass Jeus der Sohn Gottes und unser alle Erlöser sei.

Die Juden begingen also nach christlicher Vorstellung gleich ein doppeltes Verbrechen. Erstens seien sie es gewesen, die Jesus durch die Römer hinrichten ließen, was einer unverzeihbaren Ungeheuerlichkeit gleichkam, wenngleich diese heilsgeschichtlich wiederum notwendig gewesen sei – Judas und die Juden seien gebraucht worden, um die Erlösung über den Kreuzestod Jesu überhaupt zu ermöglichen. Zweitens weigerten sie sich dann aber auch noch, Jesu als Sohn Gottes sowie als den Erlöser anzuerkennen. Was für ein Ärgernis für die Christen, diese aus ihrer Sicht verbrecherische Verstocktheit der Juden!

Ausgerechnet das von Gott auserwählte Volk, unter welchem der Gottessohn erschienen war, weigerte sich, das als solches zu glauben und zu bezeugen. Dies ist eine der tiefen Wurzeln des Judenhasses in der christlichen Welt. Somit waren die Juden – und ich ergänze, die zudem vor den Christen den einen und einzigen Gott hatten und von diesem als das auserwählte Volk besonders geliebt wurden, was einer Zurücksetzung aller anderen gleichkam – auserkoren, zur Verkörperung des Übels in der Welt abgestempelt zu werden. Einer der Gründe, warum Hitler und die Nazis später so leichtes Spiel hatten mit ihrem Antisemitismus, der auf sehr fruchtbaren Boden fiel.

Die Welt braucht Juden

Zugleich wären die Juden, so Sieferle weiter, in ihrer bis heute andauernden hartnäckigen Weigerung, die ihnen geoffenbarte „Wahrheit“ des Christentums anzunehmen, eine Art Menetekel, an welchem die Sündhaftigkeit des Menschen sichtbar werde, der immer aufs Neue unfähig ist, von seiner Gottesferne abzulassen. (Ergänzung von mir: Ähnliches gilt in sogar noch verschärfter Form für die islamische Lehre, da die Juden den Stifter/Erfinder dieser ob seiner Unbildung bezüglich ihrer heiligen Schriften sogar verlachten. Was für eine Kränkung, die förmlich nach Rache schreit!).

Deshalb bestand nach Sieferle von christlicher Seite auch wenig Interesse daran, das Judentum insgesamt zu vernichten, denn dann wäre ja die Negativfolie, deren man benötigt, verschwunden. Die Juden seien ideal geeignet gewesen, um daran die Sündhaftigkeit des Menschen aufzuzeigen und zugleich die eigene Sündhaftigkeit zu veräußerlichen, auf die Juden zu übertragen und damit im Außen greifbar zu machen. Die Welt brauche offensichtlich Juden (Sündenböcke) oder seit Auschwitz Deutsche. Weshalb und wozu? Damit die „Guten“ sich von ihnen abheben, sich über die Abgrenzung zu ihnen definieren könnten und sich so ihrer moralischen Qualität selbst zu versichern.

Die tiefste Ursache der deutschen Selbstverachtung

Doch unterscheiden sich nach Sieferle die neuen Juden, die Deutschen, von den alten in einem wichtigen Punkt. Die Juden hätten die Deutung und Bewertung, die andere ihnen angedeihen lassen wollten, für sich selbst nicht angenommen. Die Schuld der Juden an der Kreuzigung des Messias sei von ihnen nie anerkannt worden und natürlich auch nicht die „Leugnung“, dass es sich um den Messias handelte. Anders dagegen die Deutschen. Diese seien die ersten, die ihre unauflösliche Schuld zugeben, wenngleich dies meist so geschehe, dass derjenige, welcher von der Schuld oder der „Verantwortung“ der Deutschen spreche, sich damit gleichsam von dieser reinige und diese den Verstockten zugeschoben werde, die diese nicht permanent wiederholen. Hier finden wir die tiefste Ursache der deutschen Selbstverachtung.

Die Schuld Adams und Evas wurde, wie Sieferle klar macht, heilsgeschichtlich vom Opfertod Christi aufgehoben. Dadurch konnte dem Menschen Gottes Gnade zuteil werden. Die Deutschen, die ihre gnadenlose Schuld selbst anerkennen, könnten aber, so die Vorstellung der Masse, nicht erlöst werden. Sie, so der herrschende Narrativ, könne man nicht lieben. Nicht einmal Gott. Dazu seien die Verfehlungen der Deutschen gemäß dem Auschwitzmythos zu schlimm gewesen. Denn nach diesem Mythos würden die Verbrechen der Nazis als einzigartig und unvergleichlich definiert, deren Unvergleichlichkeit vor jedem Vergleich als solche postuliert würde. Außerdem haben die Deutschen in den Augen der vielen noch ein zweites unverzeihliches Verbrechen begangen. In der Auswahl ihrer Opfer haben sie der Welt den alten Sündenbock genommen. Seit Auschwitz taugen die Juden nicht mehr, um als die Verbrecher schlechthin abgestempelt zu werden. In dem neuen, alles beherrschenden Narrativ respektive Paradigma gebühre ihnen seither die Opferrolle schlechthin, welche viele Juden für sich selbst gar nicht annehmen wollen, was man ihnen dann auch wieder verübelt.

Wer werden die neuen Juden sein, wenn die Deutschen verschwunden sind?

Deshalb müssten, so die Tiefenstruktur des herrschenden Narrativs, den Sieferle schonungslos und unerschrocken aufdeckt, die Deutschen von der Bildfläche der realen Geschichte vollkommen verschwinden, um so zu einem neuen Mythos werden zu können. Denn nur durch ihr Eliminieren könne in diesem primitiven Denken der hegemonialen Klasse die Schuld der Deutschen gesühnt und die Welt von ihnen befreit werden. Die Erde werde von diesem Schandfleck erst dann gereinigt sein, so die Vorstellung der Herrschenden, wenn die Deutschen zu abstrakten „Menschen“ geworden, wenn sie in einem Größeren (EU, Weltbürger, Menschheit) auf- und untergingen und somit alles Deutsche verschwände.

Doch stellte sich dann ein neues Problem, welches die, die ganz im mythischen Denken gefangen, nicht gewahr werden, wie Sieferle mit klarem Blick konstatiert. Wer sollen dann, wenn die Deutschen verschwunden sind, die neuen Juden sein für die, die geistig so arm, dass sie der Sündenböcke, der Projektionsfläche für das Böse bedürfen, um sich so selbst überhaupt erst zu definieren?

Nachbemerkung

Mit ‚Auschwitz-Mythos‘ ist nicht gemeint, dass die millionenfache, unfassbar grausame Ermordung vor allem von Juden durch die Nazis in Frage gestellt wird, sondern das Paradigma, dass dieses zutiefst verstörende Verbrechen als in der gesamten Menschheitsgeschichte absolut singulär und unvergleichlich postuliert wird und dies nicht einmal hinterfragt werden darf.

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Bild: Youtube-Screenshot aus Er ist wieder da

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