Der Islam ist nicht die Summe aller Muslime, sondern eine Weltanschauung

Unser ehemaliger Bundespräsident Christian Wulff und die amtierende Bundeskanzlerin Angela Merkel sind entgegen der Auffassung einer großen Mehrheit der Bundesbürger der Meinung, daß der Islam nicht nur zu Deutschland passen, sondern inzwischen sogar zu Deutschland dazugehören würde. Aber stimmt dies? Gehört der Islam wirklich zu Deutschland?  Im folgenden soll untersucht werden, ob die Aussage unseres ehmaligen Staatsoberhauptes und unserer aktuellen Regierungschefin tatsächlich haltbar ist.

Der Islam ist nicht die Summe aller Muslime, sondern eine Weltanschauung

Wichtig ist hierbei eine Differenzierung, die vielen schwer zu fallen scheint, so offensichtlich auch Wulff und vielen anderen Politikern und Medienvertretern, eine Differenzierung, die aber, möchte man ein Mindestmaß an intellektueller Redlichkeit an den Tag legen, elementar wichtig ist. Der Islam ist nicht gleich die Summe aller Muslime, ist also keine Menge, deren Elemente Menschen sind. Falls sich die Anzahl der Muslime in den nächsten Jahren verdoppelt, so haben wir dann nicht zwei Islame und auch nicht einen doppelt so großen Islam, sondern eben doppelt so viele Muslime. Was sich vergrößern kann, ist die Anzahl der Islamanhänger, nicht aber der Islam. Der Islam ist also keine Menge von Menschen, als vielmehr eine Religion und damit eine Weltanschauung. Alle Religionen sind, wie z.B. auch der Agnostizismus oder der Humanismus, Weltanschauungen. Wir dürfen nicht in die Falle von Populisten tappen, egal welcher Couleur, und dürfen nicht alles wild durcheinander werfen, wie dies leider auch bis in höchste Regierungskreise geschieht. Wir müssen etwas genauer hinschauen als Christian Wulff, Heiko Maas und andere.

Die Seele eines Menschen ist nicht Eigentum einer Religion

Ferner sollten wir Menschen nicht ausschließlich über ihre Religion definieren. Ein Mensch ist ein fühlendes und denkendes Wesen mit Bedürfnissen, Sehnsüchten, Erinnerungen, Ängsten, Hoffnungen, Überzeugungen, Wertvorstellungen, einem Charakter. Die Weltanschauung, die ihn prägt, so auch seine metaphysischen (z.B. religiösen) Vorstellungen, greift hier natürlich in sein Innenleben ein – und religiöse Institutionen trachten natürlich danach, in das Innenleben von Menschen einzugreifen und dieses möglichst von klein auf so zu formen oder manipulieren, wie es der jeweiligen Religionslehre eben entspricht. Auch wenn manche Religionslehren, so auch die des Islam, dies anders sehen, aber die Seele eines jeden Menschen ist zunächst einmal die seine und nicht die einer Religionsgemeinschaft. Ein Mensch ist also nicht Eigentum einer Religion, sondern ein eigenständiges Wesen, das die Freiheit hat, sich zu einer Religion zu bekennen und Teile dieser religiösen Weltanschauung für sich zu übernehmen, aber auch Teile dieser Weltanschauung nicht zu übernehmen oder auch sich völlig von ihr loszusagen, wenn er für sich erkennt, daß sie falsch ist oder ihm nicht gut tut.

Ein Mensch ist tausendmal mehr als ein Anhänger einer Religion (Weltanschauung)

Und ein Mensch ist, selbst wenn er einer Religionsgruppe angehört, nicht nur ein Christ oder Muslim, ein Buddhist, Hindu oder Jude, sondern auch Sohn/Tochter, Bruder/Schwester, Vater/Mutter, Freund(in), Handwerker/Krankenschwester/Arzt/Autor, Kollege, Bayern-/Kaiserslautern-/BVB-/HSV-Fan, Literatur-/Poesie-/Film-/Tanz-Liebhaber, ein Kind der Aufklärung, ein Humanist usw. usf. Wenn man also einen Menschen auf seine Religion reduziert, so wird man ihm in keiner Weise gerecht. Die religiöse Weltanschauung mag eine Rolle spielen, bei manchen mehr, bei anderen weniger oder gar nicht, aber sie definiert einen Menschen nicht. Jeder Einzelne ist immer tausendmal mehr als nur ein Christ, ein Muslim oder ein Bright, also jemand der frei ist vom Glauben an geheimnisvolle übernatürliche Kräfte oder Wesenheiten. Wir sollten den religiösen Aspekt nicht überbewerten, wenn wir einen einzelnen Menschen betrachten. Vor allem aber dürfen wir nicht die Religion, also eine bestimmte Weltanschauung, mit den Menschen gleichsetzen, die sich dieser Weltanschauungsgruppe mehr oder weniger zugehörig fühlen, wobei hier nochmals unterschieden werden muß.

Es gibt auch nicht gläubige Muslime, die gar nicht an Gott (Allah) glauben

Es gibt nicht wenige Menschen, die bezeichnen sich selbst als Muslim, teilen aber überhaupt nicht den Glauben des Islam. Sie fühlen sich als „nicht gläubige Muslime“, wie man dies ja auch sehr häufig bei Christen findet, die sich irgendwie als Christen fühlen, ohne an den Christengott zu glauben, wie er im Alten und Neuen Testament beschrieben wird und wie ihn z.B. die römisch-katholische Kirche ihren Kirchenmitgliedern vorschreibt. Ähnliches findet man bei Juden. So fühlte sich beispielsweise unser früherer „Literaturpapst“ Marcel Reich-Ranicki als Jude, hielt JHWH, den Gott Israels im Tanach, der Hebräischen Bibel, aber lediglich für eine literarische Figur, wie er es so schön umschrieb.

Muslim ist nicht gleich Muslim

Wir müssen also auch unterscheiden: Religion und kulturelle Prägung respektive, wenn es um den Islam geht, genauer: a) sehr gläubige Muslime, b) eher gläubige Muslime, c) eher nicht gläubige Muslime, d) nicht gläubige Muslime, die sich aber auf Grund ihrer islamisch-kulturellen Prägung wegen dennoch als Muslime fühlen, e) Menschen, die sich überhaupt nicht als Muslime fühlen in keinerlei Beziehung, die aber, weil sie aus einem Land kommen, das stark vom Islam geprägt wird, von Außenstehenden als Muslime angesehen werden.

Viele Migranten aus islamischen Ländern fühlen sich gar nicht als Muslime

Sehr bemerkenswert ist hierbei, daß laut einer Schätzung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge z.B. 98 Prozent der iranischen Bevölkerung sich offiziell zum Islam bekennt, so daß wir meist automatisch davon ausgehen, daß ein Migrant aus dem Iran ein Muslim sein müsse. Dem ist aber keineswegs so. Lediglich 50 Prozent der Migranten aus dem Iran, die in Deutschland leben, fühlen sich als Muslim (Gruppe a-d). Bei Migranten aus dem Nahen Osten ist der Anteil mit 64 Prozent etwas höher, aber auch deutlich unter 100 Prozent. Bei Türkischstämmigen lag der Anteil bei 88 Prozent, die sich als Muslim fühlen. Im Durchschnitt gaben nur 54 Prozent der befragten Migranten aus mehrheitlich muslimischen Ländern an, sich als Muslim zu fühlen.

Für einen Teil der vermeintlichen Muslime spielt der Islam kaum eine Rolle

Und von den Migranten, die sich selbst als Muslim ansehen (Gruppe a-d), waren es fast 14 Prozent, die sich als nicht oder nur wenig gläubig einstuften (bei Migranten aus dem Iran 55 Prozent!). Rechnet man alles zusammen, so ergibt sich in etwa folgendes Bild der Menschen, die aus stark islamisch geprägten Ländern nach Deutschland kommen:

  • a) sehr gläubige Muslime: ca. 20 %
  • b) eher gläubige Muslime: ca. 27 %
  • c) eher nicht gläubige Muslime: ca. 5 %
  • d) „nicht gläubige Muslime“, die sich aber auf Grund ihrer islamisch-kulturellen Prägung wegen dennoch als Muslime fühlen: ca. 2 %
  • e) Menschen, die sich überhaupt nicht als Muslime fühlen, in keinerlei Beziehung, die aber, weil sie aus einem Land kommen, das stark vom Islam geprägt wird, von Außenstehenden als Muslime angesehen werden: ca. 46 %

Insgesamt dürfte also die Anzahl der gläubigen Muslime in Deutschland, die möglicherweise eine Vertretung durch islamische Verbände anstreben, deutlich geringer sein als die geschätzten rund vier Millionen Muslime in Deutschland. Und die Gleichsetzung von Herkunftsland und Glaubensgemeinschaft ist offensichtlich falsch. Wir müssen also lernen, sehr viel genauer hinzuschauen und viel stärker zu differenzieren.

Der Islam ist nicht gleich die Muslime

Die wichtigste Unterscheidung ist aber die zwischen 1. der Religion des Islam, also einer Weltanschauung, und 2. den Menschen, die irgendwie mit dieser Religion zusammenhängen, die von sich selbst oder von anderen für Muslime gehalten werden. (Wie der Islam selbst einen Muslim definiert, dazu später mehr, wenn es um die Weltanschauung des Islam geht.) Die wenigsten Migranten aus islamischen Staaten (wahrscheinlich unter 20 Prozent) sind sehr gläubige Muslime.

Islamkritik ist etwas völlig anderes als Ausländer-, Fremdenfeindlichkeit oder Rassismus

Ein Islamkritiker ist jemand, der die islamische Weltanschauung kritisch beleuchtet und dabei vielleicht zu einem eindeutig negativen Ergebnis kommt, so wie jemand bei der Beurteilung der Weltanschauung des Fatalismus oder des Nationalsozialismus zu einem negativen Ergebnis kommen kann, im letztgenannten Fall hoffentlich kommen wird. Mit Ausländerfeindlichkeit oder gar Rassismus hat dies nicht das Geringste zu tun. Die Begrifflichkeiten gehen hier sowohl in Politik als auch in den Medien vollkommen durcheinander und zeugen von enormer Unkenntnis.

Auch der Ausdruck ‚Islamophobie‘ ist vollkommen ungeeignet. Eine Phobie ist eine Angststörung, also etwas aus dem Bereich der Pathologie. Menschen, die mit solchen Begriffen operieren und damit Millionen von Menschen pathologisieren wollen, scheinen ihrerseits eher unter einer Aufklärungsphobie zu leiden, möchte man manchmal fast zurückrufen. Offensichtlich wissen hier nicht wenige überhaupt nicht, wovon sie reden. Und offensichtlich ist der Aufklärungswille aus welchen Gründen auch immer, sehr gering. Ja, manchmal kann man sich des Eindrucks nur schwer erwehren, daß gerade bei Politikern bestimmter Parteien, geradezu ein Bedürfnis nach Verdunkelung und gezielter Verwirrung bis hin zur Diffamierung ganzer Bevölkerungsteile zu bestehen scheint. Es scheint ein starkes Bedürfnis zu bestehen, die ganze Islamdebatte in eine bestimmte Richtung lenken und steuern zu wollen.

Die Vorstellung, daß man eine bestimmte Weltanschauung nicht einer eingehenden Kritik unterziehe dürfe, daß dies anmaßend oder beleidigend wäre, ist nicht nur vollkommen absurd, sie zeugt auch davon, daß Grundprinzipien unserer eigenen Verfassung und Grundgedanken der Aufklärung von nicht wenigen noch nicht so ganz verinnerlicht worden sind.

Ein Islamkritker kann sich unter Umständen einem iranischen oder ägyptischen Atheisten viel näher fühlen als einem deutschstämmigen Muslim. Mit Rassismus hat dies also nicht das Geringste zu tun. Den bekannten Islamkritiker Hamed Abdel-Samed als Rassisten zu bezeichnen, wäre einigermaßen absurd. Und ein Islamkritiker kann auch mit einem gläubigen Muslim befreundet sein, weil er ihn menschlich sympathisch findet und weil er findet, daß er einen feinen Charakter hat, auch wenn er dessen religiöse Weltanschauung sehr kritisch sieht und dies zu einem geeigneten Zeitpunkt in entsprechendem Ton und mit entsprechendem Taktgefühl hin und wieder ganz offen und ehrlich sagt. Denn ein Mensch ist nicht die Weltanschauung, die ihm mehr oder weniger gefällt oder die ihn geprägt hat, sondern ein Mensch, mit allem, was dazu gehört, und das ist viel, viel mehr als nur seine Religion. Viel wichtiger als seine Weltanschauung ist z.B. der Charakter eines Menschen.

Die islamische Weltanschauung ist einer kritischen Würdigung zu unterziehen

All diese Differenzierungen hat Christian Wulff nicht vorgenommen und all diese Unterscheidungen werden auch im Moment in der öffentlichen Diskussion sowohl von Politikern, als auch von Medienvertretern meist nicht vorgenommen. Insofern muß die Behauptung von Wulff und anderen, die meinen, daß der Islam inzwischen zu Deutschland dazugehören würde, genauer geprüft werden. Hierzu müssen wir uns die Weltanschauung dieser Religion genauer ansehen und untersuchen, inwieweit sie tatsächlich mit dem deutschen Grundgesetz und anderen europäischen Verfassungen vereinbar ist. Dabei sind sowohl intellektuelle Redlichkeit als auch Wahrhaftigkeit und Unbefangenheit gefragt.

Quelle für das Zahlenmaterial: Muslime in der Statistik; Wer ist Muslim und wenn ja wie viele? von Dr. Riem Spielhaus (Erlanger Zentrum für Islam und Recht in Europa), Berlin, Juni 2013, http://mediendienst-integration.de/f…aus_MDI.pdf

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