Ludwig Wittgenstein, das Jahrhundertgenie, oder: Manchmal reicht ein einziger Satz

Von Jürgen Fritz

Reicht manchmal ein einziger Satz, um das Denkvermögen eines anderen einschätzen zu können? Ja, dem ist so.

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Bertrand Russell

Es war im Jahre 1911. Am Trinity College in Cambridge lehrte der Star der neuen Logik Bertrand Russell. Der damals 39-jährige bestimmte die neue Richtung der Philosophie und gilt heute als einer der Väter der Analytischen Philosophie. Zusammen mit Alfred North Whitehead hatte er gerade den ersten Teil der Principia Mathematica herausgegeben, die zu dem philosophischen Grundlagenwerk der Mathematik des 20. Jahrhunderts werden sollte. Russell war aber nicht nur ein überragender Denker, sondern auch ein glänzender philosophischer Schriftsteller, der für seinen ungewöhnlich verständlichen Schreibstil berühmt war. 1950 wurde er sogar mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet (einen Nobelpreis für Philosophie gibt es nicht).

Können Sie mir bitte sagen, ob ich ein kompletter Idiot bin?

Russell hatte nun 1911 einen jungen Studenten, über welchen er in seinem Tagebuch ein Notiz machte: „Nach der Vorlesung kam ein hitziger Deutscher, um mit mir zu streiten […] Eigentlich ist es reine Zeitverschwendung, mit ihm zu reden.“ Doch nach nicht einmal zwei Wochen sollte sich Russells Meinung ändern: „Ich fange an, ihn zu mögen; er kennt sich aus in der Literatur, ist sehr musikalisch, angenehm im Umgang (ein Österreicher), und ich glaube, wirklich intelligent.“

Am Ende seines ersten Trimesters kam dieser junge Österreicher – er war 22 Jahre alt und hatte zuvor ein Ingenieurs-Studium in Berlin abgeschlossen und bereits ein Patent für Verbesserungsvorschläge für Flugzeugpropeller – zu Russell in seine Sprechstunde gestürmt und meinte, Russell solle ihm doch bitte sagen, ob er ein kompletter Idiot sei oder nicht? Wenn er ein kompletter Idiot sei, werde er Flugzeugingenieur werden, wenn nicht, werde er Philosoph.

Nein, Sie dürfen kein Flugzeugingenieur werden.

Russell war nicht sicher, ob er es mit einem Genie oder nur einem Exzentriker zu tun hatte und antwortete dem jungen Mann, er könne ihm seine Frage nicht beantworten. Er solle doch in der vorlesungsfreien Zeit etwas niederschreiben über ein philosophisches Thema, das ihn interessiere. Dann würde er ihm sagen können, ob er ein kompletter Idiot sei oder nicht. Zu Beginn des nächsten Trimesters brachte der junge Mann Russell was er geschrieben hatte und legte es seinem Professor vor. Russell nahm es entgegen, begann zu lesen, legte das Manuskript aber gleich wieder zur Seite. Er hatte nur einen einzigen Satz gelesen, mehr nicht. Dann sagte er zu seinem neuen Studenten: „Nein, Sie dürfen kein Flugzeugingenieur werden.“

Russels Student sollte neben Martin Heidegger zum wohl einflussreichsten Denker des 20. Jahrhunderts werden. Schon bald hielt Russell ihn für höchst talentiert und war schließlich der Meinung, er sei besser als er selbst geeignet, sein logisch-philosophisches Werk fortzuführen. Später schrieb er über ihn: „ Er war … eines der erregendsten intellektuellen Abenteuer meines Lebens. … [Er hatte] Feuer und Eindringlichkeit und eine intellektuelle Reinheit in einem ganz außerordentlichen Ausmaß. … Nach kurzer Zeit wusste [er] alles, was ich beizubringen hatte.“

Tractatus Logico-Philosophicus – die sprachkritische Wende der Philosophie

Bereits 1912, ein Jahr nach seinem Studienbeginn in Cambridge bei Bertrand Russell, begann der junge Mann seine Arbeit an seinem ersten philosophischen Werk, indem er Notizen in seinem Tagebuch festhielt. Noch während des Ersten Weltkriegs beendete er 1918 im Alter von 29 Jahren sein Werk in der Kriegsgefangenschaft. Der Titel des Buchs lautete: Tractatus Logico-Philosophicus (Logisch-philosophische Abhandlung). Mit diesem Werk, eines der einflussreichsten der ganzen Philosophiegeschichte, sollte die Philosophie den sogenannten linguistic turn, die sprachkritische Wende vollziehen.

Dies war die zweite ganz große Wende in der Geschichte der abendländischen Philosophie. Zu Beginn der Neuzeit wurde mit René Descartes der Übergang von der Seinsphilosophie zur Bewusstseinsphilosophie vollzogen, nun zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Wechsel zur Sprachphilosophie. Philosophieren heißt seither immer auch, die Sprache mit der wir über die Dinge nachdenken mit zu reflektieren, diese explizit mit zu betrachten und dieser gegenüber nicht blind, nicht sprachvergessen zu sein. Denn wenn immer wir denken, so bewegen wir uns im Medium der Sprache und dürfen diese daher nicht ausblenden.

Der Name des jungen Mannes, der mit seinem Denken zusammen mit Martin Heidegger das 20. Jahrhundert mehr beeinflusste als jeder andere Denker, lautet: Ludwig Wittgenstein.

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Bild: Youtube-Screenshot von Ludwig Wittgenstein

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