Vom Vorrang der Ontologie vor der Epistemologie oder: Warum ich ein metaphysischer Realist bin

Vorbemerkung: Normalerweise versuche ich ja Texte so zu verfassen, dass sie auch ohne große philosophische Vorbildung zumindest halbwegs verständlich sind.  Gerade im Bereich der Philosophie ist das alles andere als leicht, was mehr als bedauerlich ist. Genau darin sehe ich den tieferen Sinn meiner philosophischen Essays: die unglaublich tollen Forschungsarbeiten, die hier in den letzten Jahrzehnten erarbeitet wurden, einem etwas größeren Publikum etwas näher zu bringen. Heute möchte ich mal, ein klein wenig abheben und die Gedanken in höherere abstrakte Sphären schweben lassen. Der Preis wird sein, dass viele nicht mehr werden folgen können. Dessen bin ich mir bewusst und bitte um etwas Nachsicht. Der nächste Artikel wird wieder anders. Versprochen!

Die Ontologie ist die wichtigste Teildisziplin der Metapyhsik. Sie ist die Lehre vom Sein, davon, was es gibt. Die Ontologie beschreibt das Unveränderliche, das sich unser Macht entzieht. Das Sein geht aber dem Erkennen voraus. Nur Seiendes kann erkannt werden. Das, was nicht ist, Nicht-Seiendes, kann nicht erkannt werden, weil es ja gar nicht ist.

Das aber heißt, die Ontologie hat Vorrang vor der Epistemologie (Erkenntnistheorie).

Das Denken erwächst aus dem Boden des Wirklichen, des Seienden. Es ist ein hochgradig spezialisiertes Erzeugnis der Evolution. Und eben dieser Umstand erklärt, warum die Epistemologie sich erfolgreich auf die Ontologie berufen kann, wie die Geschichte der Wissenschaft zeigt. Unser Wahrnehmungs- und Denkapparat ist selbst ein Seiendes, also ein ontologisches Faktum, das sich aus anderem, früheren Seiedem entwickelt hat und sich dabei dem äußeren Seienden angepasst hat. Daher ist Erkenntnis, sind wahre Vorstellungen und wahre Aussagen über die Welt, über Seiendes möglich.

In dem Satz „Die Nordsee hat eine Flächenausdehnung von 575.000 km²“ ist es zwar von unserer Zuschreibung abhängig, welches Seegebiet wir als Nordsee bezeichnen. Zu anderen Zeiten hatte die Nordsee andere Namen und eine andere Ausdehnung. Es ist aber unbestreitbar, daß das wie auch immer bezeichnete Meer etwas ist, was unserer Bezeichnung vorausgeht (Vorrang der Ontologie vor der Epistemologie).

Für die Nordsee gilt sicherlich der Status des Idealen, ist sie doch eine auf Konventionen beruhende Zuschreibung, die auch anders hätte ausfallen können und zu früheren Zeiten auch tatsächlich anders ausgefallen ist. Teilt man aber zu einem gegebenen Zeitpunkt t die Konvention, dann ist der Satz „Die Nordsee hat eine Flächenausdehnung von 575.000 km²“ objektiv wahr und nicht meiner subjektiven Beliebigkeit unterworfen.

Metaphysischer Realist zu sein, heißt damit, zu denken, daß sich der Gedanke auf etwas bezieht, was ihn ontologisch übersteigt (Außenweltforderung) und was unabhängig von ihm existiert (Autonomieforderung).

Aristoteles hat diesen Umstand einmal so ausgedrückt:

„Nicht darum, daß unser Urteil, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.“

Die Sache selbst ist im Bezug auf das von ihr Ausgesagte transzendent, d. h. sie übersteigt die Aussagen über sie und stellt das Prüfkriterium für die Wahrheit einer Aussage über sie dar. Dies entspricht dem traditionellen Wahrheitsbegriff. Er besteht darin, eine Sache so zu bezeichnen, wie sie ist, was voraussetzt, daß diese Sache ist. Dies könnte man die ontologische Verwurzelung der Wahrheit nennen.

Das Sein geht also dem Erkennen voraus und die Ontologie hat Vorrang vor der Epistemologie.

Ja, ja, schön und gut. Aber was hat es denn mit der Kontextualität der Wahrheit auf sich? Diese wird ein moderner Denker doch nicht bestreiten können, oder doch?

Stellen wir uns doch einfach mal eine Kuh vor, die einmal lebendig auf der Weide steht und wenig später ausgestopft in einem Museum. Auch wenn es sich um die gleiche Kuh handelt, die kurz zuvor noch lebendig war, wird der Bauer, wenn sie ausgestopft auf seiner Weide steht, sie nicht mehr zu seinem Viehbestand zählen. Aus seiner Sicht steht da keine Kuh auf seiner Weide. Im Museum dagegen repräsentiert die jetzt ausgestopfte Kuh neben anderen Tierpräparaten aber durchaus ein Exemplar ihrer Gattung. Auch wenn in den verschiedenen Kontexten die gleiche ausgestopfte Kuh einmal als existent und einmal als nichtexistent angesehen wird, ist doch trotzdem im jeweiligen Kontext der Satz „Da steht eine Kuh“ aus Sicht das Bauers objektiv falsch, genauso wie die Aussage im Kontext des Museums objektiv richtig ist.

Auch in verschiedenen Kontexten behält also die Wirklichkeit ihre Zwingkraft gegenüber dem Denken und drückt sich darin aus, daß man diese Wirklichkeit in einem bestimmten Kontext auf eine bestimmte Weise bestimmen muss – und nicht auf eine andere.

Im übrigen heben sich die unterschiedlichen Bewertungen in den unterschiedlichen Kontexten vollkommen auf, wenn wir die Beschreibung der Kuh etwas präzisieren in a) lebende Kuh und b) tote, ausgestopfte Kuh. Präzisieren wir unsere Beschreibung, so werden Bauer und Museum trotz unterschiedlichem Kontext sogar exakt zum gleichen Urteil gelangen.

Daran knüpft auch der Negative Realismus, wie er von Umberto Eco vertreten wird, an. Eco ist der Auffassung, es gebe zwar viele verschiedene Möglichkeiten, ein Ding in verschiedenen Kontexten richtig zu beschreiben, er macht aber darauf aufmerksam, daß es auch eindeutig falsche Beschreibungen gibt, die dem Ding nicht adäquat sind. Auch Eco hält an dem ontologischen Vorrang des Dings vor der epistemologischen Erkenntnis des Dinges fest. Die Wirklichkeit geht der Wahrheit voraus. Und weder die Wahrheit noch die Wirklichkeit lassen sich auf das menschliche Denken und die Erkenntnis reduzieren.

Die Ontologie hat Vorrang vor der Epistemologie.

6 Kommentare zu „Vom Vorrang der Ontologie vor der Epistemologie oder: Warum ich ein metaphysischer Realist bin

  1. „so werden Bauer und Museum trotz unterschiedlichem Kontext sogar exakt zum gleichen Urteil gelangen.“ –

    Dieser Beitrag erinnert mich irgendwie an ein Nullsummenspiel mit autistischen Zügen. Gerne wurde ich hier diskutieren, muss aber leider draussen bleiben. Das ein Philosophie Studium zumeist brotlose Kunst bleibt, verdeutlicht dieser Beitrag – jedenfalls für mich – ziemlich gut. Ich glaube ernsthaft, dass hier nur noch „Insider“ abgeholt werden.

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    1. Dieser kleine Essay wendet sich primär an Personen mit philosophischen Grundkenntnissen, liebe Gaby Kraal. Dem nicht philosophisch Vorgebildeten wird er sich wahrscheinlich nicht so richtig erschließen, da er zu viele Begriffe nicht kennen wird. Normalerweise schreibe ich ja etwas anders. Aber gestatten Sie mir bitte, dass ich hin und wieder, nicht oft, nein, nur selten, aber das schon, mal ein klein wenig abhebe, die Flügel ausbreite und mich in andere Höhen treiben und heben lasse. Es wird auch nicht oft vorkommen. Das verspreche ich. 🙂

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  2. Es ehrt Sie das mein Beitrag nun doch noch die technischen Hürden meistern durfte und somit das Licht der digitalen Welt erblickt.

    Ich habe Sie gekränkt, dieses war jedoch nicht meine Absicht. Dafür möchte ich mich dennoch entschuldigen. Das „Flügel ausbreiten“ ist schon angekommen, und das finde ich auch sehr lesenswert. Andererseits ruft jegliche Veröffentlichung auf Plattformen wie wordpress mit Kommentarfunktion auch Banausen wie mich mit auf den Plan.

    Vielleicht wäre es besser, mit einem abschließenden Satz darauf zu verweisen, das die Gedanken zum Essay mehr dem Träumen, oder einer Anregung dienlich sein sollen, als weniger für Nicht-Philosophen und einem brutalen Kommentar der den Fachmann(frau) aus sämtlichen Träumen reisst.

    Ich werde es beim nächsten Mal mit mehr Lob angehen, oder besser noch, einfach mal die Klappe halten, verprochen.

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    1. Nein, gar kein Problem, Gaby Kraal. Ich bedanke mich für die Rückmeldung. Kritik, die immer nur positiv ist, ist ja keine echte solche. Mir hilft das, wenn ich merke, was wie ankommt. Also alles gut. 🙂

      Und bitte entschuldigen Sie, wenn ich hier oft nicht so schnell bin mit dem Freischalten und Antworten. Da ich ja auch auf verschiedenen anderen Blogs schreibe, sehe ich das nicht immer so schnell hier.

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  3. Dann sind Sie ja tatsächlich ein recht realistischer Metaphysiker, Jürgen Fritz. Man begegnet ja immer wieder auch jenen, die – teilweise von der Physik kommend – behaupten, dass Bewusstsein erst Existenz/ Materie schafft. Dass der Mond erst dann IST, wenn er beobachtet wird. Dem konnte ich mich noch nie anschließen.. Welche Anmaßung!
    Der zitierte Aristoteles-Satz ist nun aber gerade wenig geeignet, Realität zu beschreiben, Farbwahrnehmung ist, wie wir wissen, bei verschiedenen Lebewesen unterschiedlich! (Kann eine Farbe allgemeingültig “wahr” sein? Ich behaupte: nein!)

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