Wie die Harmonie in die Welt kam

Von Jürgen Fritz

Das Schöne entbehrt nicht der Harmonie. Was aber genau bedeutet Harmonie und wo kommt sie her? Homers tiefsinniger Mythos von der Entstehung der Harmonia.

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Das Schöne entbehrt nicht der Harmonie

Was schön ist, das entbehre nicht des richtigen Maßes, stellte bereits Platon (427 – 347 v. Chr.) in seinem Dialog ‚Timaios‘ fest. Demnach dürfe auch ein lebendes Wesen, wenn man ihm Schönheit zusprechen solle, des Ebenmaßes nicht entbehren. Das Ebenmaß, also die richtigen Proportionen, das richtige Maßverhältnis der Teile a) zu dem Ganzen und b) untereinander, ist seit Alters her das erste objektive Kriterium der Schönheit. Aus den richtigen Proportionen und ihrer Verhältnismäßigkeit (symmetria) ergibt sich der Leitbegriff der seit der Antike zur Leitidee des Schönen geworden ist: die Harmonie. Was aber bedeutet Harmonie nun genau?

Der Mythos von der Entstehung der Harmonia

Für den Begriff der Harmonie gibt es selbst für das antike Denken eine mythisch-literarische Referenzstelle. Es war kein geringerer als Homer, der erste große Dichter in der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte, der von der Entstehung der Harmonia erzählte. Homer berichtet, dass der listige Held Odysseus während seiner zehnjährigen Irrfahrt am Strand der Phäaken landet, jenem friedlichen Volk, dem die Götter jeden Unbill ersparten. Dort wurde er mit Gesängen verwöhnt und einer dieser Gesänge hatte folgendes zum Inhalt.

Ares (römischer Name: Mars), der Gott des Krieges und zugleich ein Sinnbild männlicher Kraft und Schönheit, und Aphrodite (römisch: Venus), die Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde verband eine heftige Leidenschaft. Aphrodite jedoch war die Ehefrau des rechtschaffenen, aber missgestalteten, weil hinkenden Gottes der Schmiedekunst Hephaistos.

Als Ares und Aphrodite, die eine heftige, dauerhafte Affäre verband, sich wieder zu einem heimlichen Stelldichein trafen, wurden sie beobachtet von Helios, der Sonne respektive dem Sonnengott, was für die alten Griechen identisch war. Helios nun erweist sich mit dem Betrogenen solidarisch und verrät die Liebenden an Hephaistos. Der lahme Schmied, hierüber nicht wenig erzürnt, beschließt, sich zu rächen. Er schmiedet ein Netz aus nahezu unsichtbaren, aber unauflöslichen Ketten und drapiert heimlich Aphrodites Bett damit. Während des ehebrecherichen Treibens verfangen sich dann auch die beiden Liebenden darinnen und können sich aus dieser Umklammerung nicht mehr befreien.

Hephaistos, von Helios wiederum benachrichtigt, eilt herbei und ruft sodann alle Götter zusammen, um das inflagranti erwischte Liebespaar allen vorzuführen. Die Götter jedoch sind beim Anblick des solchermaßen gedemütigten Paares nicht entrüstet, sondern brechen in das sprichwörtlich gewordene „homerische“ Gelächter aus, können sich also gar nicht mehr einkriegen.

Poseidon, der ältere Bruder des Zeus und Gott des Meeres bittet für seinen Neffen Ares und Hephaistos hat ein Einsehen und löst die Fesseln. Der hintergangene Krüppel jedoch wird in seinem Herzen ein ewigen Groll hegen und wird diesen Groll übertragen auf das Kind, das diesem Ehebruch seiner Frau mit Ares entsprang. Es war ein Mädchen und sein Name war: Harmonia.

Deutung des Mythos

Die Harmonie, so ließe sich der Mythos deuten, ist ein Kind der Schande, des Betrugs, des Verrats, aber auch ein Kind der Liebe, der Schönheit und des sinnlichen Begehrens (Aphrodite) und des Krieges (Ares).

Liebe, Schönheit, Krieg und Harmonie gehören zusammen, von Anfang an. Harmonie ist, so lehrt uns der antike Mythos, nur herstellbar, nicht durch das Zusammenbringen von Gleichem, nicht durch die Assonanz oder Addition dessen, was nicht unterschiedlich ist, sondern nur durch den Zusammenklang des Unterschiedlichen, des Differenten, dessen, was eigentlich auseinanderstrebt und das andere zu vernichten trachtet. In der Zusammenfügung des Auseinanderstrebenden aber entsteht etwas, was die jeweiligen Einseitigkeiten aufhebt, sie zu einem stimmigen Ganzen zusammenfügt. Und eben dadurch entstehen Harmonie und Schönheit.

Heraklit von Ephesos – der dunkle Denker

„Sie verstehen nicht, wie das eine auseinanderstrebend ineinanderstrebt, wie gegeneinanderstrebend sich Bogen und Leier verbinden“, wird später Heraklit von Ephesos (um 500 v. Chr.) schreiben. „Die schönste Harmonie entsteht durch Zusammenbringen der Gegensätze“.

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Bild: Pixabay, CC0 Public Domain

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3 Kommentare zu „Wie die Harmonie in die Welt kam

  1. Schön recharchiert ist nicht nur Ihre Einführung zum Thema Schönheit, „Wahrheit“ und jetzt der „Harmonie“, sondern diese ergänzen sich zur Vollkommenheit des Wahren. Logischer, schöner und harmonischer kann man mit diesen drei Begriffen die antriebsdynamisch*, unbewußt dominiert wirksame* globale Entwicklung der Lebewesen* nicht begründen. Das ebenfalls unbewußt dominierte Bewußtsein des Menschen führte leider zu Freiheits-, Größen- u. Wachstumswahn mit deren heute verhängnisvollen, ideologisch-existentiellen, globalen Folgen. Erst das zunehmend bewußte, erkenntnisstandgerechte* Denken und Handeln des Menschen* ermöglichen ihm, durch eine wahrheitsnahe moralische Reflektion*, die lebensschädlichen Antriebsanteile zu entschärfen. Mehr dazu im Internet und bei Fb in der Chronik unter: > klaus roggendorf + – * <

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