Die Kunst der Argumentation oder wie Merkel & Co. uns um Jahrtausende zurückzuwerfen drohen

Von Jürgen Fritz

Die Kunst des Argumentierens und des dialektischen Erörterns sind von allen Künsten die höchsten, zu der Wesen fähig sind. Elefanten und Affen kann man zum Beispiel das Malen beibringen. Sie sind zu eigenständigen kreativen Leistungen fähig. Was man sie aber schwerlich lehren kann, ist das Argumentieren oder gar das dialektische Denken. Was aber genau ist eine Argumentation?

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Argument und Argumentation

Eine Argumentation ist eine Verknüpfung, eine Kette von mehreren Argumenten, die einen inneren Zusammenhang aufweisen. Somit stellt sich aber die Frage: Was ist ein Argument? Das ist vielen nicht ganz klar.

Ein Argument ist etwas anderes als eine Aussage, die etwas für sich hat, die man für wahr hält. Ein Argument ist ein Beweisgrund, ein Begründungszusammenhang. Als solches besteht es immer aus mehreren Aussagen, nämlich mindestens dreien (manchmal auch mehr): aus mindestens zwei Vordersätzen (Prämissen, Gründen) und einer Schlussfolgerung (Konklusion, das zu Begründende).

Das Besondere bei einem Argument ist dabei, dass hier eine Übertragung des Wahrheitswertes von den Prämissen (den Gründen) auf die Konklusion (das zu Begründende) zwingend stattfindet und zwar allein auf Grund der Form des Argumentes.

Beispiel: 1. Alle Menschen sind sterblich. 2. Angela Merkel ist ein Mensch. 3. Ergo ist Angela Merkel sterblich. Denn wenn alle Menschen sterblich sind und Merkel ein Mensch ist, dann gilt diese Eigenschaft natürlich auch für sie, andernfalls wäre ja (1) falsch.

Ex falso quodlibet

Wer die Wahrheit der Prämissen (der Gründe) akzeptiert, muss auch die Wahrheit der Konklusion, des zu Begründenden akzeptieren, da sich der Wahrheitswert von (1) und (2) auf (3), von den Gründen auf das zu Begründende überträgt. Wenn eine der Prämissen falsch ist, dann ist die Wahrheit der Konklusion natürlich kontingent (zufällig, möglich, aber nicht notwendig), denn aus Falschem kann man durch korrektes Schließen Beliebiges folgern (ex falso quodlibet).

Beispiel: Wenn 2 + 2 = 5, dann (durch Verdoppeln beider Seiten) 4 + 4 = 10. Aus einer falschen Prämisse, 2 +2 = 5, folgt hier durch korrektes Schließen eine falsche Konklusion 4 + 4 = 10. Der Fehler steckt aber nicht in dem Schluss (dem Verdoppeln beider Seiten), sondern schon in der Prämisse. Der Schluss selbst ist korrekt bzw. gültig. Wenn a = b, dann sicherlich auch 2a = 2b.

Aussagesatz und Satzäußerung

Ein Argument ist also eine Menge von Aussagen, bei der für einen Aussagesatz (die Konklusion) der Anspruch erhoben wird, dass er sich aus den anderen (den Prämissen) mit Notwendigkeit ergibt. Was ist das aber für eine Notwendigkeit?

Gemeint ist hier nicht, dass jemand diesen Aussagesatz unbedingt aussprechen muss, gar nicht anders kann, als ihn zu sagen. Die Notwendigkeit bezieht sich also nicht auf die Äußerung des Satzes, ein Ereignis an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit durch eine bestimmte Person. Dies fiele in den Bereich der Psychologie. Hier geht es um eine ganz andere Notwendigkeit, die sich nicht auf die Satzäußerung in Raum und Zeit bezieht, sondern auf die Aussage selbst, den Inhalt des Aussagesatzes und dessen Wahrheitsgehalt, welcher unabhängig davon ist, wer den Satz wann und wo äußerte.

Dies wird gerade in politischen Diskussionen oft grob missachtet, wo darauf abgestellt wird, wer etwas gesagt hat oder wo etwas stand, also auf die Satzäußerung und nicht auf den Satzinhalt, die Aussage selbst, um die es eigentlich gehen sollte. Hierbei handelt es sich um ein fehlerhaftes, oft bösartiges argumentum ad hominem, ein reines Scheinargument (Rabulistik).

Gültige und ungültige logische Schlüsse

Die Argumentationstheorie (Logik) untersucht, welche Argumente absolut zwingend sind, welche fehlerhaft (Scheinargumente oder Sophismen) und welche nicht zwingend, aber doch in abgeschwächter Form hilfreich, weil wahrscheinlich oder plausibel.

Beispiel: Der folgende Schluss ist offensichtlich gültig, egal was wir für die Platzhalter einsetzen. 1. Alle A sind B. 2. Alle B sind C. 3. Ergo: Alle A sind C. Denn wenn alle A auch B und alle B auch C sind, dann müssen notwendigerweise auch alle A C sein. Wenn z.B. alle Menschen Säugetiere und alle Säugetiere Wirbeltiere sind, dann müssen auch alle Menschen Wirbeltiere sein. Hier wird niemand ein Gegenbeispiel für dieses Schlussprinzip finden können, weil das logisch unmöglich ist.

Konversionsfehlschluss: Ein Gegenbeispiel lässt sich aber finden bei folgendem Schluss, einem sehr beliebten Denkfehler. 1. Wenn A der Fall ist, dann ist auch B der Fall. 2. A ist nicht der Fall. 3. Ergo ist auch B nicht der Fall. Dies ist ein ungültiger, ein fehlerhafter Schluss. Um das zu beweisen, genügt bereits ein Gegenbeispiel. Dieses könnte wie folgt aussehen. 1. Wenn es regnet, wird die Straße nass. 2. Es hat nicht geregnet. 3. Ergo ist die Straße nicht nass. Gegenbeispiel: Die Straße kann trotzdem nass sein, z.B. weil jemand sie mit einem Schlauch nass gespritzt hat. Der Regen ist eine hinreichende, aber keine notwendige Bedingung für das Nass-werden der Straße.

Ein richtiger Schluss wäre dagegen: 1. Wann A der Fall ist, dann auch B. 2. B ist nicht der Fall. 3. Ergo kann auch A nicht der Fall sein. Denn wäre A der Fall, dann gemäß (1) auch B. B ist aber gemäß (2) nicht der Fall, also kann auch A nicht der Fall sein. Konkret: 1. Wenn es regnet, wird die Straße nass. 2. Die Straße ist nicht nass. 3. Ergo regnet es nicht.

Dialektisches Denken

Eine Argumentation besteht also aus mehreren Argumenten, die wiederum aus mehreren Aussagen bestehen, die in einem logischen Zusammenhang stehen. Und jetzt können wir präzisieren: Bei einer Argumentation fungiert die Konklusion aus Argument 1 als Prämisse in Argument 2. Dessen Konklusion ist wiederum eine der Prämissen in Argument 3 usw.

Werden unterschiedliche Argumentationen geprüft und gegeneinander abgewogen, dann kommen wir in den Bereich der Erörterung und damit in die Sphäre des dialektischen Denkens, die nur dem Menschen zugänglich ist.

Aufsteigend haben wir also folgendes Schema: Aussage – Argument – Argumentation – dialektische Erörterung.

Der Sinn des Argumentierens

Wozu aber argumentieren wir überhaupt? Indem wir argumentieren, versuchen wir uns selbst oder andere, die für Argumente offen sind, von der Wahrheit oder Falschheit einer Sichtweise, einer Einschätzung, einer Behauptung zu überzeugen. Beim Argumentieren und erörtern dreht sich also immer alles um die Wahrheitsfrage. Diese steht im Zentrum all dieser Bemühungen. Nur wer an der Wahrheitsfrage wirklich interessiert ist, wird daher ernsthaftes Interesse am Argumentieren und dem dialektischen Denken entfalten.

Dialektisches Denken ist ein wesentliches, ja das zentrale Mittel im Bereich der Wissenschaft, der Kritik, der Diskussion und des offenen, kritischen Dialoges.

Audiatur et altera pars

Den Grundsatz der Dialektik finden wir beispielsweise auch in unserem Rechtssystem. Vor Gericht sind immer beide Seiten zu hören. Ein Grundsatz, den wir bereits im uns prägenden römischen Recht finden: Audiatur et altera pars (lateinisch für: „Gehört werde auch der andere Teil“ bzw. „Man höre auch die andere Seite“). Dies steht für den Anspruch auf rechtliches Gehör. Der Grundsatz bedeutet, dass der Richter alle am Prozess Beteiligten zu hören hat, bevor er sein Urteil fällt.

Der erste Meister des dialektischen Denkens aber war kein Geringerer als Sokrates, für mich der wahre Vater Europas. In der griechischen Antike finden wir im 5. Jh. v. Chr. bereits den ersten Höhepunkt des dialektischen Denkens, welches das gesamte Abendland zutiefst prägte.

Wie Merkel und Co. uns um Jahrtausende zurückzuwerfen drohen

Der Grundsatz des Audiatur et altera pars und des dialektischen Erörterns, also genau das, was das abendländische Denken zutiefst ausmacht, wird seit vielen Jahren schon immer mehr ausgehebelt. Offensichtlich ist es von den hegemonialen Herrschaftszirkeln, sprich den „etablierten Parteien“, insbesondere von der ewigen alternativlosen Kanzlerin und den ihren nicht nur nicht mehr gewünscht, dass die andere Seite zu Wort kommt, nein dies wird vielmehr gezielt unterdrückt. Denn die Partei, die in vielen Fragen die einzige ist, die die andere Seite vertritt, wird bewusst von nahezu allen öffentlichen Diskursen ausgeschlossen. Oft wird sie in entsprechende Sendungen gar nicht mal mehr eingeladen und wenn doch einmal, dann bekommen die verschiedenen Seiten nicht annähernd die gleiche Redezeit. Ja AfD-Vertretern wird nicht selten nicht einmal die Möglichkeit eingeräumt, ihre Argumente ungestört vorzutragen.

Das zeigt wohl, um was für einen geistigen Rückfall um Jahrtausende wir hier vor uns sehen. Doch das dürfte erst der Anfang eines wahrscheinlich in dieser extremen Form einzigartigen Regressionsprozesses sein, an dessen Ende nicht nur ein Finis Germania stehen könnte.

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Literaturempfehlungen

  • Axel Bühler: Einführung in die Logik – Argumentation und Folgerung, Alber Kolleg Philosophie; eine der didaktisch besten Einführungen, wenn nicht die beste überhaupt. Sehr verständlich und weniger formal als andere.
  • Wolfgang Detel: Grundkurs Philosophie, Band 1: Logik, Reclam; sehr knappe und preisgünstige, aber dennoch gute, empfehlenswerte Einführung.

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Bild: von Unknown artist; uploaded, retouched and colored by Hugo Heikenwaelder, Austria; edited by Jaybear; (File:Universum.jpg) [CC BY-SA 4.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, via Wikimedia Commons

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4 Kommentare zu „Die Kunst der Argumentation oder wie Merkel & Co. uns um Jahrtausende zurückzuwerfen drohen

  1. Man merkt, dass wir verrückt werden. Ich wundere mich schon seit Jahren warum v.a. amerikanische Konservative ständig über Definitionen reden. Man hält sich wie ein besoffener fest an Logikregeln, Definitionen und einst für universell gehaltene moralische Standards, während die Linke sich dem gemeinsamen Boden entzieht. Ich denke auch der Zank um die Homoehe hat viel mit dieser Verunsicherung zu tun.

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  2. Zitat: ..“Elefanten und Affen kann man zum Beispiel das Malen beibringen. Sie sind zu eigenständigen kreativen Leistungen fähig“..

    Diese Aussage stimmt so nicht. Tieren kann man nur das „Klecksen“ beibringen, was zufällige abstrakte „Malereien“ ergibt. Mitunter besitzen diese durchaus ästhetische, jedoch keine künstlerische Qualität. Echte KUNST macht mittels harmonischer Formen und Farben eine non-verbale weltanschauliche Aussage, schafft damit eine epochale Ideologie (Renaissance, Romantik usw.). Tiere vermögen das nicht. Nur der Mensch hat die Fähigkeit zu künstlerischer Kreativität. Selbst hier muss man einschränken: Sofern er wirklicher Künstler und kein Mimet ist. ÄSTHETIK betrifft nur harmonische Proportionen und Farbkombinationen (ohne ideologische Aussage), die generell angenehm auf Menschen wirken.

    Rationalistische, anti–metaphysische Aufklärung und der Marxismus reduzierten Kunst auf Ästhetik. Karl Marx hielt Spinnweben für eine „Kunst“ der Tiere und den Menschen für “ein Tier besonderer Art“. Der zweite Grund, Kunst abzuschaffen, war der Anspruch einer „ewigen Moderne“ und die Absicht, eine kulturelle „Konterrevolution“ zu verhindern. In der `Moderne` verfolgen Linke immer noch die Utopie uni–former, proletarischer Gleichheit und das Eliminieren von Individualität und Besonderheit.

    Tückisch wird es mit „Multikulti“ in der `Spätmoderne`. Mit Versammeln unterschiedlicher Kulturen glaubt man den „ewigen Frieden“ zu erreichen. Ob aber mit allen, einer oder keiner aus dem Sammelsurium der Kulturen und Religionen die immensen Probleme der `Moderne` zu lösen sind, bleibt samt dem „Wie“ offen.

    Die `Postmoderne` hält dies alles für nicht mehr zeitgemäß und undemokratisch. Seit den 80iger Jahren gehen einige ihrer Autoren in Philosophie und Naturwissenschaften von einer gewissen Synthese! östlicher und westlicher Denkweisen aus.

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