Das Dilemma der europäischen Moderne: der Verlust des Heiligen

Von Jürgen Fritz

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist der eine und einzige Gott ein Konstrukt des menschlichen Geistes, ein Produkt seiner einzigartigen Phantasie, aber auch seiner tiefen Sehnsucht. Braucht die Menge letztlich aber nicht den einen und einzigen Gott der Orientierung, des Lebensgefühls wegen und auch um sich verbunden zu fühlen und eine gemeinsame Grundlage zu haben?

Russell Crowe

Das Heilige und das Numinose

Das Wort „Gott“ stammt vom griechischen „theos“ ab. „Theos“ bedeutet zunächst ein überwältigendes, übermächtiges Gegenüber, dessen Erfahrung durch Riten vermittelt ist. Bei der Verwendung als Attribut drückt es im Griechischen generell eine überwältigende Erfahrung aus, z.B. ein überwältigendes Gefühl. „Göttlich“ bezeichnet auch das Absolute, das Ungewordene, den Ursprung oder Urgrund.

Hier schwingt bereits etwas mit, war Rudolf Otto 1917 in seinem berühmten Werk Das Heilige herausarbeitete. Otto machte bereits vor hundert Jahren deutlich, dass im Gottesbegriff gerade auch des Christentums rationale und irrationale Momente miteinander verschmolzen sind. Das Irrationale nennt Otto das „Numinose“, welches an das lateinische „numen“ andockt, das wiederum „Gott“ bedeutet. Es ist, so macht Otto in seiner grandiosen Analyse deutlich, gerade das Nimonose, das dem Heiligen seine Heiligkeit verleiht. Doch was genau ist das Numinose?

Das Numinose umfasst einerseits das mysterium tremendum, andererseits das mysterium fascinans. Zu ihm gehört also sowohl a) der geheimnisvolle Schauer, der etwas Erschreckendes, Furchterregendes hat (mysterium tremendum), als auch b) die geheimnisvolle Faszination, das Anziehende und Liebenswerte (mysterium fascinans). Das Numinose ist für den, dem es widerfährt, „das Ganz andere“ im Gegensatz zum Gewohnten, Vertrauten, Verstandenen. Es entzieht sich ihm irgendwie und doch ist es erfahrbar und verlockend. Es bleibt irgendwie geheimnisvoll, übernatürlich, überweltlich, transzendent und verleiht dadurch der Welt einen einzigartigen Zauber.

Zugleich aber löst das Ganz andere im Gemüt zwei Emotionen aus: a) das Kreaturgefühl, das Gefühl des Geschaffenseins, mit dem ein Gefühl der Kleinheit und Nichtigkeit im Vergleich zum Niminosen einhergeht, quasi ein Mangel an Realität, ein weniger an Sein. Und b) ein Gefühl der Sündhaftigkeit. Im Verhältnis zum Heiligen empfindet die religiöse Kreatur sich als weniger wertvoll, als von unvergleichlich geringerem Wert, wodurch wiederum ein Gefühl der Verpflichtung erwächst. Dies umfasst moralische Pflichten, aber noch mehr als das. Es umfasst auch die völlige Unterordnung seiner selbst unter das als so viel größere und wertvollere Angesehene und Empfundene, welches, wie schon Otto deutlich machte, keineswegs mit einem personalen Gott gleichgesetzt werden muss.

Der eine und einzige Gott als Konstrukt des menschlichen Geistes und als Metapher der Idee des Guten

Natürlich ist es aus Sicht der modernen Religionsphilosophie naheliegend zu sagen: der eine und einzige Gott ist ein Konstrukt des menschlichen Geistes, ein Produkt seiner einzigartigen Phantasie, aber auch seiner tiefen Sehnsucht in den Tiefenschichten seiner Seele. Genau das macht die Kraft dieses Konstruktes aus. Natürlich ist der Mensch der Schöpfer und sind alle Götter seine Geschöpfe.

Aber der eine und einzige Gott kann zugleich interpretiert werden als eine Metapher für die (platonische) Idee des Guten, der sich der Mensch über die Hilfskonstruktion seines ihm selbst nachgebildeten Gottesbildes unterwerfen kann, indem er sein Geschöpf in seiner Vorstellung zum Schöpfer seiner selbst macht, um sich so etwas Größerem unterordnen, damit zugleich seiner eigenen Existenz eine Tiefendimension, Sinn und Orientierung geben zu können.

Folgen des Verlustes der Gottesvorstellung

Aber selbst wenn wir von der Projektionsthese ausgehen, so können wir sagen, dass mit dem Verlust dieser für die Gesellschaft nützlichen (Fehl-)Vorstellung sich schier unüberwindbare Probleme ergeben, wenn diese mit einer völlig anderen konfrontiert wird, welche einen solchen Gott noch hat, der – auch wenn anderes vorgegeben wird – nicht fest an die Idee des Guten gekoppelt ist, der zu dumm ist, diese überhaupt erkennen zu können. Inwiefern dazu gleich mehr.

Geistig einfacher gestrickte Menschen können natürlich nichts anfangen mit abstrakten ethischen oder gar metaphysischen Prinzipien. Sie brauchen etwas Handfestes, etwas, das sie sich vorstellen können. Und was läge da näher als eine Vaterfigur, eine der frühesten, tief in unserer Seele verankerten Erfahrungen, jemand der uns in dieser nicht immer friedlichen und wohlwollenden Welt beschützt und der immer für uns da ist? Was für eine tiefe Sehnsucht in uns und was für eine Kraft eine solche Vorstellung in sich trägt!

Das Problem dabei ist, diejenigen, die kein positives Vaterbild haben, weil ihr eigener Vater alles andere als ein liebender Beschützer war, hilft das unter Umständen nicht so gut weiter. Bei manchen ist dieses Bild des liebenden, beschützenden Vaters gleichwohl tief in ihrer Seele verborgen. Andere aber verbinden mit diesem Bild des Vaters im Gegenteil ehr negative Assoziationen und können es dadurch schwerer haben, über so eine symbolische Figur den Zugang zum objektiv Guten zu finden.

Außerdem wurde und wird dieses Konstrukt, diese unglaublich mächtige Vorstellung permanent ausgenutzt, um Menschen klein zu halten, was immer schon Interesse der Mächtigen war. Ein besseres Instrument der Unterdrückung und Steuerung als ein einziger Gott, dessen Wille zu kennen, die Mächtigen zu wissen vorgeben – in Wahrheit bestimmen sie ihn natürlich -, kann es schwerlich geben.

Und intellegintere, kritisch denkende Menschen durchschauen diese ganze Konstruktion natürlich eher. Für sie ist es viel schwieriger, sich dieser nützlichen Selbstttäuschung hinzugeben. In der Verzweiflung mag es eher gelingen, ohne wird es für sie zumindest schwierig.

Andererseits – und das macht das Dilemma aus – geht ohne die Gottesvorstellung der Bezug zu einer höheren ontologischen Dimension und damit auch die Orientierung am objektiv Guten verloren, weil die Menge mit einem kategorischen Imperativ und Ideen, die nichts subjektiv Erzeugtes sind, die einen eigenständigen objektiven ontologischen Rang haben, nichts anfangen kann.

Braucht die Menge und die Gesellschaft aber letztlich nicht den einen und einzigen Gott der Orientierung, des Lebensgefühls wegen und auch um sich verbunden zu fühlen und eine gemeinsame Grundlage zu haben? 

Was, wenn der böse, aber mächtige Gott stärker ist als der gute, schwächelnde?

Wenn dem so ist, dass die Menge und damit die Gesellschaft eine solche Gottesvorstellung benötigt, dann kommt es aber natürlich auf die Ausgestaltung des Gottesbildes an. Dieses muss an der ontologischen Idee des objektiv Guten ausgerichtet sein. Das heißt, die Philosophen müssen dies a) den Theologen so beibringen, dass diese sich nicht gegängelt fühlen, diese Ideen aber übernehmen und ihrem Gottesbild einverleiben, um es dann b) den Religionslehrern weiterzugeben, die es dann c) dem einfachen Volk entsprechend nahe bringen.

Nun aber sind wir mit Gesellschaften konfrontiert, die uns zu überrennen drohen, die noch einen einzigen Gott haben, deren Mitglieder von einem ihrer religiös-politisch-totalitären Weltanschauung immanenten Programm (Dschihad) gesteuert sind, von dessen Existenz sie nicht einmal wissen, dem sie aber blind folgen. Dieser ihr Gott ist nicht an der Idee des Guten orientiert, sondern primär an Macht und Unterdrückung, an Ausbreitung des eigenen Systems und an der Kleinhaltung des Menschen, an der Knechtung seiner.

Dieser Gott ist primär ein dem Hegemon seine Macht sichernder solcher. Und in diesen Gesellschaften gibt es keine Philosophen, die den Theologen etwas beibringen könnten, damit diese es dann über die Religionslehrer dem einfachen Volk näherbringen. Wir aber haben ohne eine Anbindung an eine höhere Sphäre, ohne das Heilige, ohne das Numinose, ohne diesen Zauber des Ganz anderen diesem primitiven, machtversessenen und unterdrückerischen, moralisch minderwertigen Gott, dem aber dieser Zauber, dem das Numinose anhaftet, nichts entgegenzusetzen. That’s the problem, isn’t it?

Wir haben keine Sterne mehr über uns. Und wir haben nicht den einen Stern, der über allem leuchtet: die Idee des ontologisch objektiv Guten, der vor allem auch mysterium fascinosum (anziehend und fesselnd) ist, metaphorisch verkörpert in dem liebenden, gütigen Gott. Sind wir deshalb Verlorene und das in mehrfacher Hinsicht?

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Foto: (c) Youtube-Screenshot aus Les misérables

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